Debatte um Rainer Brüderle : "Sexismus ist kein Kavaliersdelikt"

Frauensenatorin Dilek Kolat (SPD) über die aktuelle Sexismus-Debatte, was Frauennetzwerke leisten können und warum sie den polnischen Handkuss nicht für sexistisch hält.

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Berlins Integrationssenatorin Dilek Kolat (SPD) arbeitete am Konzept mit.
Berlins Integrationssenatorin Dilek Kolat (SPD) arbeitete am Konzept mit.Foto: dpa

Frau Kolat, Sie kommen gerade von der Klausurtagung der SPD-Fraktion im polnischen Kolberg. Mit wem saßen Sie gestern Abend an der Hotelbar?

Wir saßen an großen runden Tischen, wo man gut miteinander diskutieren konnte.

Auch über den „Fall Brüderle“?

Na klar, aber weniger um den konkreten Fall als über das, was er ausgelöst hat. Ich finde es gut, wenn Frauen in allen Bereichen klar machen, dass sie bestimmte Grenzüberschreitungen durch sexistische und diskriminierende Äußerungen, Blicke oder Gesten nicht länger hinnehmen. Sexismus ist kein Kavaliersdelikt, keine Normalität, die frau ertragen muss.

Manche finden die Diskussion übertrieben – auch angesichts anderer Probleme, die Frauen gerade in Berlin haben, beispielsweise durch körperliche Gewalt.

Natürlich ist das gravierender. Frauen, die physische Gewalt erfahren, unter großer Angst leiden, sind auf schnelle Hilfe angewiesen. Das hat für mich höchste Priorität und da gibt es bereits gute Angebote in Berlin. Die Sexismus-Debatte ist eine andere Ebene. Aber auch hier geht es darum, Frauen stark zu machen.

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Wie?

Indem man sie darin bestärkt, bestimmte Dinge nicht hinzunehmen, weil man vielleicht in einem Abhängigkeitsverhältnis ist oder sich schämt. Der erste Schritt ist, sich dessen bewusst zu werden und darüber zu reden. Deshalb finde ich die Debatte nach Brüderles Grenzüberschreitung – das war es eindeutig – sehr gut.

Sie haben auch sehr kritische Worte zu Zoodirektor Blaszkiewitz gefunden, ihn aber nicht zum Rücktritt aufgefordert. Warum nicht?

Aus dem einfachen Grund, weil das nicht in meiner Verantwortung liegt. Aber ich finde schon, dass sich Herr Blaszkiewitz total disqualifiziert hat. Von Führungskräften erwarte ich, dass sie konsequent gegen Diskriminierungen in ihren Unternehmen vorgehen und sie nicht selbst praktizieren.

Unter anderem deshalb wollten Sie auf die Berliner Wirtschaft zugehen, oder?

Ja, das ist auch bereits geschehen. Ich habe mit dem IHK-Präsidenten Eric Schweitzer das Bündnis „Frauen in Führungspositionen" gegründet. Es reicht nicht, dass Frauenförderung eine Voraussetzung für die Vergabe von Aufträgen und Zuwendungen durch das Land ist – auch in privaten Unternehmen muss mehr geschehen.

Haben Sie deshalb im Bundesrat für eine gesetzliche Frauenquote für börsenorientierte Unternehmen gestimmt?

Ja, ich bin absolut für eine solche Quote. Eigentlich in allen Bereichen, wo Frauen unterdurchschnittlich vertreten sind - nicht nur bei Aufsichtsräten, auch bei Vorständen. Die freiwillige Selbstverpflichtung der Wirtschaft hat den Frauenanteil in Spitzenpositionen in den letzten zehn Jahren leider nicht wirklich verändert.

In der Berliner SPD hat sich in Sachen Gleichberechtigung ja viel getan. Hat das auch mit dem von Ihnen mit gegründeten „Branitzer Kreis“ zu tun?

Jedes Netzwerk, in dem sich Frauen zusammenschließen, um gemeinsam etwas zu erreichen, ist hilfreich. Deshalb sollte es solche Netzwerke überall geben – auch für Wissenschaftlerinnen, Unternehmerinnen, Handwerkerinnen.

Weil Sie gerade in Polen waren – empfinden Sie den Handkuss auch als sexistisch?

Aber nein. Es hängt natürlich immer von der konkreten Situation ab, aber der Handkuss ist in Polen einfach eine freundliche Geste und wird ja zumeist auch nur angedeutet. Das würde ich nicht als sexistisch oder diskriminierend empfinden.


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