Debatte um Rassenliste : "Alle Hunde bleiben Raubtiere"

Hundetrainerin Simone Laube kann ein ganzes Rudel auf einmal im Griff behalten Sie fordert einen verpflichtenden Hundeführerschein statt einer strikten Rassenliste.

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Auf mein Kommando. Simone Laube arbeitet mit Hunden, von schwer erziehbar bis Schoßhund.
Auf mein Kommando. Simone Laube arbeitet mit Hunden, von schwer erziehbar bis Schoßhund.Foto: Jana Demnitz

Lila ist ein Raubtier. Daran hat Simone Laube keinen Zweifel. Doch die Amstaff Terrier-Hündin wedelt fröhlich mit ihrem Schwanz, lehnt an den Beinen der Hundetrainerin und leckt ihr über die Jeans. Es ist ein kalter Nachmittag in der Nähe vom Innsbrucker Platz. Auf dem Sandplatz der Hundeschule „Stadthunde“ drängeln sich viele unterschiedliche Hunderassen um die Ausbilderin. Wie eine Dirigentin steht Simone Laube auf dem Platz und gibt Kommandos. „Alle Hunde bleiben Raubtiere, ob nun Pitbull oder Dackel“, sagt die zertifizierte Hundetrainerin. Es gehe immer eine gewisse Gefahr von Hunden aus. Das hätte auch der Fall in Lichtenberg auf tragische Art deutlich gemacht. Am Sonntagnachmittag war ein kleiner Junge vom Mischlingshund des Freundes der Mutter attackiert und in den Kopf gebissen worden. Der Siebenjährige musste mit schweren Verletzungen in ein Krankenhaus gebracht werden.

Im Video: Hundetrainerin Laube im Einsatz:

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Ein Führerschein für Hunde
Ein Führerschein für Hunde

Hunde kommen nicht aggressiv und verdorben auf die Welt, sagt Simone Laube. 90 Prozent des Verhaltens eines Hundes hänge von der Erziehung ab. Da könnten Hundehalter viele Fehler machen. Es gehe darum, Grenzen zu setzen und durchzusetzen, berichtet die Sachverständige für das Hundewesen in Berlin. „Knurren zum Beispiel ist normal. Es ist Teil ihrer sozialen Kommunikation und darf nicht missverstanden werden", sagt Simone Lauben. Sie sitzt jetzt in der Gartenlaube des Hundeplatzes, neben ihr auf der Bank sitzt Gerhard Wunsch, ein gemütlich aussehende Mann mit Vollbart. Er ist der Halter von Lila. Als seine Hausverwaltung erfuhr, dass er den Kampfhund seiner Tochter übernommen hatte, wollte man ihn dazu bringen, die Hündin weg zu geben. Die anderen Hausbewohner erhoben Einspruch. Sie fühlten sich nicht gefährdet durch den Kampfhund mit dem „sonnigen Gemüt“. Natürlich seien nicht alle Listenhunde wie Lila, gibt Simone Laube zu. Aber das liege nicht an der Rasse, sondern an den Haltern. Sie hätte viele Kampfhunde für das Veterinäramt geprüft und lehne die Rassendiskriminierung strikt ab.

Gefährliche Hunderassen in Bildern:

Gefährliche Hunde
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1 von 6Foto: Wikimedia Commons
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Mit Rassendiskriminierung meint sie den lebenslangen Leinen- und Maulkorbzwang für Kampfhunde in Berlin, den die rot-schwarze Koalition jetzt kippen will. Mit der Aufhebung der Rassenliste könnte sich auch Lila wieder freier bewegen. Lange gekämpft dafür hatte auch Claudia Hämmerling, tierschutzpolitische Sprecherin der Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus. Sie sitzt in ihrem dunklen Erkerbüro im Abgeordnetenhaus in der Niederkirchnerstraße und hält ihre rechte Hand hoch. Die Fingerkuppe des rechten Mittelfingers fehlt. Das war meine Schuld, erzählt die Politikerin. Vor Jahren sei ihr Schäferhund in einen Kampf mit einem Bernhardiner geraten. Als sie zwischen die Hunde griff, biss der Bernhardiner zu und hätte plötzlich ein Stück ihres Fingers im Maul gehabt. Ein kleines Unglück, sagt Hämmerling und lächelt, als hätte sich das Schicksal einen kleinen Witz erlaubt. Mit dem Hundeführerschein wäre ihr das damals nicht passiert, vermutet Hämmerling, die in dieser Woche einen eigenen Gesetzesentwurf zur geplanten Hundeprüfung vorlegte. Auch persönlich sei ihr das Thema wichtig, berichtet Hämmerling und zeigt wie zum Beweis einen kleinen Film auf ihrem Handy, in dem ihre Amstaff Bullterrier-Hündin und ihre kleine Enkeltochter beim Spielen auf einer sommerlichen Wiese zu sehen sind. Es ist eine vertraute Szene zwischen einem Mädchen, das um die zwei Jahre alt ist, und einem Hund, der in Brandenburg auf der Kampfhundeliste steht.

In Schöneberg ist die Hundestunde derweil vorbei und Simone Laube sieht ein wenig müde aus. Lila liegt träge im Sand. Hier in der Hundeschule kann man den Hundeführerschein schon jetzt freiwillig ablegen. Allerdings gebe es im Moment noch kein einheitliches Berufsbild für Hundetrainer, kritisiert Simone Laube. Im Prinzip sei der verpflichtende Führerschein aber der richtige Weg, um Menschen besser zu schützen, sagt die Hundetrainerin und tätschelt Lila den massigen Kopf. Die Kampfhunddame hat den Führerschein schon bestanden.

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