Debatte um Religionsausübung : Urteil zu Gebetsräumen: Schulen fürchten Spaltung

Das Oberverwaltungsgericht wird am Donnerstag in zweiter Instanz entscheiden, ob das Diesterweg-Gymnasium einen Gebetsraum zur Verfügung stellen musste. Der Vater des Klägers gehört zum Umfeld eines sufistischen Ordens.

von und

Der Raum 205 des Diesterweg-Gymnasiums ist derzeit das wohl meistdiskutierte Klassenzimmer Berlins. Ein paar Tische in der Mitte des Zimmers und die Stühle, die an der Wand gestapelt sind, verbreiten den Charme einer Abstellkammer. Wer sich hier gen Mekka neigt, blickt unwillkürlich auf drei abgehalfterte Computerbildschirme. Es ist der Gebetsraum, den die Schulleitung Yunus M. zur Verfügung stellen musste. Zwar hatte das Gericht nicht verlangt, einen solchen Raum einzurichten, sondern ihm nur das Recht zugesprochen, sein Gebet zu verrichten. Um aber die anderen Schüler vor dem „werbenden und demonstrativen Charakter“ seines Gebetes zu schützen, habe man keine andere Möglichkeit gesehen.

Der Senat will das nun ändern, am kommenden Donnerstag wird das Urteil des Oberverwaltungsgerichts erwartet. „Im Rahmen des Schulverhältnisses außerhalb des Religionsunterrichts haben individuelle Ritualgebete nicht stattzufinden“, erklärt Anwältin Margarete Mühl-Jäckel, die den Senat vertritt. Das Verwaltungsgericht habe in der ersten Instanz das Recht auf Religionsfreiheit nicht ausreichend gegenüber den Belangen des schulischen Bildungs- und Erziehungsauftrages bewertetet. Außerdem sei es von einem falschen Selbstverständnis des Islam ausgegangen. Ein neues Gutachten, das der Senat bei einem „namhaften Islamwissenschaftler“ in Auftrag gegeben hatte, belege, dass es auch für gläubige Muslime keine Zumutung sei, ihre Gebete außerhalb der Schulzeit durch Zusammenlegung zu verrichten.

Außerdem, fügt Mühl-Jäckel hinzu, das Land habe Zweifel, ob Yunus M. so strenggläubig sei, wie das Verwaltungsgericht annimmt. Tatsächlich wird der Gebetsraum nach Auskunft der Schulleitung von Yunus kaum genutzt. Auch Fragen zu wichtigen muslimischen Gebräuchen wie dem Ramadan habe er in erster Instanz vor Gericht „unzureichend“ beantwortet.

Brigitte Burchhardt, Leiterin des Diesterweg-Gymnasiums, ist besorgt um die Zukunft ihrer Schule. „Wir können es uns nicht leisten, Konflikte abzuwarten“, sagte sie. Vor ihrer Zeit als Direktorin habe es auf schon einmal einen „halboffiziellen“ Gebetsraum gegeben. Damals sei es zwischen den verschiedenen muslimischen Gruppierungen zu tätlichen Auseinandersetzungen gekommen. Der Raum wurde wieder geschlossen. Mit Blick auf diesen Vorfall hatte auch Bildungssenator Jürgen Zöllner die besondere Lage des Diesterweg-Gymnasiums hervorgehoben. 29 verschiedene Nationalitäten treffen hier aufeinander. „Der eine meditiert, ein anderer betet laut vor sich hin, wir können nicht für jeden einen Raum bereitstellen“, sagt Burchhardt. Nicht nur, dass es organisatorisch nicht zu leisten sei, für Burchhardt geht diese Aufspaltung der Schülerschaft am Bildungsauftrag vorbei. Am Diesterweg-Gymnasium, sagt sie, sei man stolz auf die gute Gemeinschaft.

Derweil hält sich Yunus’ Vater bedeckt. Auch als sich das Mittagsgebet der Gläubigen in der Weddinger Mehmed-ZaidKotku-Tekkesi-Moschee dem Ende nähert und rund zwei Dutzend Männer aus dem unscheinbaren Haus auf die Turiner Straße treten, bleibt er lieber drinnen, anstatt Fragen zu seinem Sohn oder zu den islamischen Gebetspflichten zu beantworten. „Yunus Vater spricht nicht mit Ihnen“, lautet die knappe Ansage eines Moschee-Mitarbeiters, der dann noch ungeduldig darum bittet, von Fragen an die Gläubigen vor der Tür abzusehen. Deshalb ist an diesem Freitag auch nichts darüber zu erfahren, warum aus dem Umfeld dieser Moschee, die dem sufistischen Naqschbandiyya-Orden zugerechnet wird, die Initiative kam, das muslimische Mittagsgebet an Schulen gerichtlich durchzusetzen.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

Autoren

27 Kommentare

Neuester Kommentar