Berlin : Debütantinnen im diplomatischen Dienst

Zum ersten Mal begleiten zwei Jugenddelegierte deutsche Regierungsvertreter zur Uno

Felix Serrao

Entwicklungshilfe? „Sofort abschaffen!“ Der junge Teilnehmer der Arbeitsgruppe „Education“ provoziert gerne: Finanzspritzen – für ihn der denkfaule Versuch reicher Länder, das Problem Armut mit Geld zu bewerfen. Anne Spiegel, mit 24 Jahren Deutschlands zweitjüngste Diplomatin, versucht, nicht allzu grimmig zu gucken. „Und dann haben plötzlich alle wild durcheinander geredet“, erzählt Gruppenleiterin Astrid van der Merwe lachend. Die 22-Jährige hat die streitfreudigen „Jugend-Uno-Tage“ an der Freien Universität (FU) mitorganisiert. Dort erfuhren Spiegel und ihre Kollegin Hanna Labonté, 20, was ihre Berliner Kommilitonen an internationaler Politik stört – und wie sie selbst im Ernstfall Contenance bewahren.

Die müssen sie haben: Im September fahren die beiden als erste deutsche „Jugenddelegierte“ zusammen mit echten deutschen Diplomaten zu den Vereinten Nationen nach New York. In der goldfarbenen Halle der UN-Generalversammlung dürfen Spiegel und Labonté drei Wochen lang an einer Resolution zu Themen wie Jugendkriminalität, Bildung und Aids mitarbeiten. Ohne Stimm- und Rederecht, aber immerhin: In den häufigen Sitzungspausen können sie mitverhandeln. Anschließend geht es wieder an die Uni: Spiegel studiert in Mainz Politik, Philosophie und Psychologie, Labonté Ethnologie, Islamwissenschaft und Psychologie in Heidelberg.

Angst, zwischen all den routinierten Schlipsträgern unterzugehen, haben sie nicht: „Die Gefahr besteht“, sagt Spiegel. „Aber wir sind ja ausgewählt worden, weil wir keine stillen Mäuschen sind“, ergänzt Labonté.

Vor der Feuertaufe an der FU ging es in Berlin zum Bundestag. Dort trafen sich die Jungdiplomatinnen für 45 Minuten mit dem Vorsitzenden vom Unterausschuss Vereinte Nationen, Christoph Zöpel (SPD) und dessen Stellvertreterin Claudia Nolte (CDU). „Das war toll, die waren richtig neugierig“, berichtet Spiegel mit parteipolitischer Toleranz; bis Ende 2004 saß sie im Bundesvorstand der Grünen Jugend. Wie Labonté, die sonst im interkulturellen Jugendaustausch aktiv ist, schließt sie eine Diplomaten-Karriere aus: „viel zu hierarchisch.“

Im „Asyl-Café“ der FU erzählen die beiden, worauf sie sich in New York konzentrieren wollen: Bildung und Gesundheit. Zum zweiten Thema hat Labonté bereits eine Idee, die sie im Resolutionstext unterbringen will: Verhütungsmittel sollen für Jugendliche kostenfrei sein. „Wenn ich 15-jährige Mütter in Talkshows sehe, die sagen: ,Huch, wie bin ich denn schwanger geworden?‘, werd’ ich irre.“

Labonté und Spiegel wurden aufwändig von ihren Trägern ausgewählt, der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen (DGVN) und dem Deutschen Nationalkomitee für internationale Jugendarbeit (DNK). Trotzdem wirken sie nicht besonders eifrig oder ehrgeizig. Sie lachen laut. Sie sagen, ohne rot zu werden: „keine Ahnung.“ Sie tragen Bimmelohrringe, Wickeltuch und Turnschuhe. Nur manchmal macht sich der Druck des Debütantinnenseins bemerkbar. „Wenn ich das ergänzen darf“, sagen sie dann. Oder: „Dem stimme ich zu.“

Hans-Joachim Vergau pflegt von Berufs wegen eine geschliffene Sprache. Wie die Parlamentarier Zöpel und Nolte hat auch der ehemalige deutsche Botschafter für die Jugenddelegierten Lobbyarbeit im Auswärtigen Amt betrieben. Vergau – dunkelblauer Anzug, perfekter Krawattenknoten, kerzengerade Haltung – hat sich nach eigenen Angaben beim Staatssekretär und dem Leiter der Uno-Abteilung für die jungen Frauen eingesetzt: „Als Lernprogramm“, verspricht er vor seinem Vortrag bei den Berliner Jugend-Uno-Tagen, „wird das hervorragend sein.“

Eines der ersten Länder, die Jugendliche mit nach New York nahmen, waren die Niederlande – schon 1970. Heute, 35 Jahre später, sind die Jugenddelegierten dort Popstars. Das Land, in dem „Big Brother“ erfunden wurde, lässt auch seine Jugenddelegierten von TV-Zuschauern wählen. Neidisch sind die deutschen Jugenddelegierten dennoch nicht auf ihren niederländischen Kollegen. „Der ist erst 18“, frotzelt Spiegel. Damit darf er in den USA noch kein Bier trinken. Diplomat oder nicht.

Wer 2006 zur UN-Generalversammlung will, kann sich ab diesem Herbst bei den Trägern oder im Internet unter www.jugenddelegierte.de informieren.

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