Berlin : Dem Kanzler helfen

200 Berliner sind seit 22. Mai in die SPD eingetreten. Im Reichstag sprachen sie jetzt über ihre Motive

Christoph Seils

Am Tag nach der historischen Niederlage der SPD in Nordrhein-Westfalen setzte sich Lothar Schäfer in Berlin an seinen Computer und füllte im Internet einen Mitgliedsantrag aus. Er sei schon immer SPD-Wähler gewesen, sagt der Steuerberater, doch jetzt sei es an der Zeit, sich zu „bekennen“. Am Donnerstagabend nun saß Lothar Schäfer im SPD-Fraktionssaal des Reichstags und wurde vom Landeschef Michael Müller sowie den Berliner Bundestagsabgeordneten bei einem Neumitgliedertreffen persönlich in der Partei begrüßt.

Etwa 80 Neu-Mitglieder sind gekommen. Es gibt Saft und Schokoriegel. Die wichtigste Regel des Parteilebens hat der Sprecher der Landesgruppe, Detlef Dzembritzki, schnell erklärt. Unter den SPD-Genossen gilt das „vertrauensvolle Du“, unabhängig von Amt oder Mandat. „Also das ist der Wolfgang“, sagt Dzembritzki dann und begrüßt Bundestagspräsident Thierse.

Menschen wie Lothar Schäfer bedeuten Balsam für die derzeit so geschundenen SPD-Seelen. Immerhin etwa 200 Berliner sind seit dem 22. Mai in die SPD eingetreten. Das sind nicht viele. Weil im selben Zeitraum jedoch nur etwa Hundert die Partei verlassen haben, nimmt die Zahl der Mitglieder in der Hauptstadt erstmals seit sieben Jahren wieder zu. Niemand wagt, von einem neuen Trend zu sprechen, aber die Erleichterung ist groß. Schließlich hat der Landesverband seit 1998 jedes fünfte Parteimitglied verloren. Deren Zahl sank von 21000 auf 16800.

Es gibt also noch Berliner, die Bundeskanzler Gerhard Schröder „sympathisch“ finden, Hartz IV „richtig“, die Steuerpolitik der Bundesregierung „sozial gerecht“ und die deshalb „nicht tatenlos zusehen wollen, wie die Republik schwarz wird“. Dabei sind die Motive der Neumitglieder für ihren Eintritt bei den Sozialdemokraten ganz unterschiedlich. Da ist die Rentnerin, die Schröder „gerade jetzt, wo er am Ende ist“, helfen will. Gleich daneben sitzt der Gewerkschafts-Azubi im ersten Lehrjahr, bei dem die SPD-Mitgliedschaft am Arbeitsplatz noch zum guten Ton gehört. Eine bislang parteilose Fraktionsmitarbeiterin will endlich „Flagge zeigen“, kurz bevor mit der Legislaturperiode auch die Arbeitsverträge auslaufen.

Es geht beim Neumitgliedertreffen zu wie derzeit überall in der SPD. Bundestagspräsident Thierse schimpft, „die veröffentlichte Meinung ist gegen uns“ und der Abgeordnete Eckhardt Barthel beteuert sein Vertrauen in Kanzler Schröder. Sein Kollege Swen Schulz zeigt sich zufrieden damit, das es mit der Partei, „wieder nach links geht“. Die Partei steht „vor einem schweren Wahlkampf“, erklärt Landesgeschäftsführer Rüdiger Scholz, „die Medien haben uns schon abgeschrieben“. Um so wichtiger seien persönliche Gespräche.

Auch Neu-Genosse Tobias Schneider will Infoblätter verteilen, Plakate kleben oder Kommilitonen überzeugen. „Jetzt gibt es Wahlkampf, da muss sich jeder entscheiden, ob er soziale oder unsoziale Reformen will“, sagt er bereits mit der nötigen sozialdemokratischer Verve. Auch das vertrauliche „Du“ kommt ihm schon recht routiniert über die Lippen. Aber der Student will „nicht kritiklos“ die Politik der rot-grünen Bundesregierung und das Wahlmanifest der SPD akzeptieren. Also haben er und auch die anderen Neumitglieder noch ein paar Fragen.

Warum hat die SPD die Reichensteuer nicht schon längst eingeführt, warum setzt sich Schröder nicht für die Menschenrechte in Russland ein, warum hat Rot-Grün soviel Schulden gemacht? Für jede Frage haben die Bundestagsabgeordneten eine wortreiche Antwort. Mal ist die CDU-Mehrheit im Bundesrat Schuld, mal der internationale Dialog wichtiger als Kritik, mal wollen es die Wähler halt so. Ein wenig ratlos blicken die Neu-Genossen da schon in die Runde. Einer spricht von seinem „Grundvertrauen“, aber ein anderer stellt dann doch die Frage, „wie soll ich das den Leuten am Infostand erklären“.

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