Berlin : Dem Schakal zu Diensten

Johannes Weinrich galt als rechte Hand des Top-Terroristen Carlos. Einmal wurde er bereits wegen Mordes verurteilt, am Mittwoch beginnt der zweite Prozess

Katja Füchsel

Immer dasselbe Bild, fast vier Jahre lang: Schweigend verfolgt Johannes Weinrich den Prozess um den Anschlag auf das Maison de France 1983, er blättert in den Akten, macht sich Notizen. Meist trägt der Top-Terrorist eine dunkle Jacke, um seinen Hals hängt ein Schal. Am letzten Tag ergreift Weinrich dann doch noch das Wort im Gerichtssaal, aber seine Sprache klingt fremd, sein Vokabular antiquiert. Weinrich spricht nicht über den Anschlag, fast eine Stunde lang räsoniert er im Saal 700 über „einen Krieg der Herrschenden gegen die Völker der Welt“, der nur die Wahl zwischen Unterwerfung und Vernichtung zulasse. Dem gelangweilt schauenden Staatsanwalt wirft der Angeklagte entgegen: „Die Verdammten der Erde hatten und haben keine Armeen auf ihrer Seite, allenfalls unschuldige Kinder, die kämpfen wollten und wollen!“

Das war vor drei Jahren. Weinrich bekam lebenslänglich wegen Mordes. Er ist der einzige Top-Terrorist, der derzeit in einem Berliner Gefängnis seine Strafe verbüßt. Ab Mittwoch steht der 55-Jährige erneut vor Gericht, die Anklage wirft ihm fünf Terroranschläge in Deutschland, Frankreich und Griechenland vor. Weinrich galt als „rechte Hand“ des inzwischen in Frankreich zu lebenslanger Haft verurteilten Top-Terroristen Ilich Ramirez Sanchez – alias „Carlos“. Zwei Jahrzehnte lang war Carlos, der Schakal, der meistgesuchte Terrorist der Welt. Er mordete im Auftrag palästinensischer Terrororganisationen, nahöstlicher Diktatoren und östlicher Geheimdienste. In Europa überfiel er internationale Konferenzen und ließ serienweise Bomben hochgehen.

Carlos befahl, Weinrich folgte. Seinem „großen Vorbild“ blieb er fast bis zum bitteren Ende treu. Denn an der Seite des großkotzigen Killers mit ausgeprägtem Hang zum Luxusleben fühlte sich der eher schüchterne und zurückhaltende Weinrich offenbar ganz oben. Blind soll er Carlos’ Befehle ausgeführt haben. Carlos aber machte sich lustig über den Deutschen, der ihm so ergeben war. Über den Untertanen, der sich auch nicht beklagte, als Carlos ihm die Freundin ausspannte. Magdalena Kopp hat später ausgepackt, sie wird im Prozess als Zeugin aussagen. Johannes Weinrich schweigt bis heute.

Als im August 1983 in dem französischen Kulturinstitut Maison de France eine Bombe explodierte, erstickte ein 26-Jähriger unter den Trümmern, 23 Menschen wurden zum Teil schwer verletzt. Sie wurden Opfer eines Privatkriegs, den Carlos und Weinrich Anfang der 80er Jahre ausgerufen hatten, nachdem Magdalena Kopp in Frankreich verhaftet worden war. Das Berliner Attentat war Teil einer Serie von Anschlägen, mit der Carlos’ Geliebte freigepresst werden sollte. 185 Verhandlungstage saß Weinrich in diesem ersten Prozess dem Gericht gegenüber, doch „der Mensch Weinrich ist uns nach vier Jahren merkwürdig fremd geblieben“, sagte der Richter am letzten Tag.

Geboren wurde Weinrich, Sohn eines Oberstudienrates, in Schwerte, Westfalen. In den 60er Jahren organisiert er in Franfurt am Main Demonstrationen gegen den Vietnam-Krieg. In der Stadt wimmelte es damals von linken Sektierern, militanten Aktivisten und sanften Kommunarden. Hier lernte der junge Verlagskaufmann auch Magdalena Kopp, im Untergrund nur „Lilly“ genannt, kennen. Sie ließ 1972 Mann und Kind sitzen, um mit ihrem Geliebten Weinrich, Deckname Steve, in den Krieg gegen das „Schweinesystem“ zu ziehen. Über die „Revolutionären Zellen“ schlossen sie sich der Terrorgruppe um Carlos an.

Doch die Realität des revolutionären Kampfes war ernüchternd. Carlos’ oberstes Ziel, so berichtet es später Magdalena Kopp, ist die Geldbeschaffung, weil er gern auf großem Fuß lebt, geschmackvolle Hotels, gutes Essen und alten Whisky schätzt. Helfer Weinrich macht derweil eine zweifelhafte Karriere, erringt sich einen Ruf als „dienstältester und gefährlichster Terrorist Deutschlands“ (BKA).

Der Prozess am Mittwoch startet erneut unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen im Moabiter Kriminalgericht. Fünf Anschläge hat Oberstaatsanwalt Detlev Mehlis in seiner Anklage aufgelistet. So soll Weinrich 1975 versucht haben, in Paris-Orly eine Boeing 707 der israelischen Fluggesellschaft EL Al mit Raketenwerfern abzuschießen. Auch für einen Anschlag 1982 in Paris soll er verantwortlich sein. Damals starb eine schwangere Frau, als in einer Einkaufsstraße ein Auto explodierte. 59 Passanten wurden zum Teil schwer verletzt. Ebenfalls auf Weinrichs Konto gehen laut Anklage ein Attentat im Februar 1981auf den Sender „Radio Free Europe“ sowie zwei Sprengstoffanschläge 1983 im Hauptbahnhof von Marseille. Die Sprengsätze töteten fünf Menschen, viele andere wurden schwer verletzt.

In seiner aktiven Zeit reiste Weinrich unter etwa 13 Alias-Namen durch die Welt, in den Städten buchte er sich bevorzugt in Nobel-Hotels ein. 1994 wurde der Terrorist nach Jahren im Untergrund im Jemen festgenommen und 1995 an Deutschland ausgeliefert. Vor drei Jahren hat Weinrich dann eine Zelle in Tegel bezogen. Das heißt: Täglich Wecken um 6.20 Uhr, um 6.50 Uhr beginnt die Arbeit in der anstaltseigenen Küche, Wäscherei oder Werkstatt. 226 Euro verdient der Gefangene im Monat. Ob sich Weinrich abends vor allem durch die Akten arbeitet, um sich auf den anstehenden Prozess vorzubereiten, ist nicht bekannt. Sein Verteidiger gibt sich derzeit einsilbig. „Zum Mandanten Weinrich erteilen wir keinerlei Auskünfte“, heißt es in der Kanzlei.

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