Berlin : Dem toten Freund die Würde zurückgeben

Im Oktober 2004 wurde Joe R. das Opfer eines Sexualdelikts. Vier Freunde erinnern sich an ihn und an die Schlagzeilen über die Tat. Heute beginnt der Prozess gegen seinen mutmaßlichen Mörder

Matthias Oloew

Wie lange haben sie mitten in der Nacht auf der kleinen Mauer vor der Polizeiwache an der Schöneberger Hauptstraße gesessen, haben geweint, sich in den Arm genommen, gegenseitig gestützt? 20 Minuten? Oder 30? Holger Meiners weiß es nicht mehr. Aber sonst erinnert er sich an diese Nacht sehr genau.

Es war die Nacht zu Mittwoch, dem 6. Oktober 2004. Zusammen mit seinem besten Freund Dirk Müller fuhr er zu der Wache. Es dauerte nur wenige Minuten, sagt Holger Meiners, „da wurde er wieder auf die Straße entlassen“. Minuten für eine Nachricht, die alles veränderte. Für eine Nachricht, die selbst die schlimmsten Erwartungen überstieg. Müllers Lebensgefährte Joe R. war am Abend zuvor in einer Neuköllner Wohnung ermordet worden. Als Tatverdächtigen hatte die Polizei einen 41 Jahre alten arbeitslosen Maler festgenommen. Er fühlte sich offensichtlich ertappt, war selbst zur Polizei gegangen und hatte laut Staatsanwaltschaft erklärt, er habe einen Mann getötet. Vor der Bluttat sollen die beiden Männer Sex gehabt haben.

Heute soll der Prozess gegen den Tatverdächtigen beginnen. Das öffentliche Interesse ist groß. Das garantieren die Schlagzeilen, die nach dem Tod von Joe R. die Berichterstattung dominierten. Von einem Kannibalen-Mord war die Rede, da die Ermittler auf eine Annonce des Tatverdächtigen im Internet gestoßen waren, in der er „einen jungen Mann als Festbraten“ gesucht haben soll. Parallelen zum Kannibalismus-Fall aus Hessen wurden gezogen und Details aus dem Leben des Opfers verbreitet. Der Wohnort, die Arbeitsstätte, die familiären Verhältnisse, die vermuteten sexuellen Vorlieben, die unterstellte Perversion, alles fand sich in den Zeitungen wieder, zum Teil in konstruierten Zusammenhängen, von denen nichts stimmte. Als es Dirk Müller zu viel wurde, die belagernden Journalisten vor seinem Haus auch nachts keine Ruhe gaben, schaltete er zusammen mit der Familie einen Anwalt ein. Es folgten einstweilige Verfügungen gegen zahlreiche andere Medien, unter anderem gegen den Springer-Verlag. Das Gericht sah in der Art und Weise der Berichterstattung die Menschenwürde des Opfers verletzt, da „durch das postmortale Outen des verstorbenen Tatopfers sein Charakter- und Lebensbild entstellt“ sei. Gegen dieses Urteil hat der Springer-Verlag Berufung eingelegt.

Kurz vor Beginn des Prozesses wollen nun vier enge Freunde des Opfers von Joe R. erzählen, wollen dem Toten etwas von dem zurückgeben, was er für sie war, und so das in der Öffentlichkeit entstandene Bild ergänzen. Auch Dirk Müller hätte dazu viel zu sagen. Aber er könne und wolle es derzeit nicht, sagen die vier. Weil man sich gegen den Springer-Verlag juristisch zur Wehr gesetzt hat, wolle Müller derzeit mit keinem Medium sprechen. Zu tief sitzte die Angst, einen Präzedenzfall zu schaffen, der die einstweilige Verfügung aushebele. Das ist auch der Grund, weshalb der Name des Opfers hier nicht ausgeschrieben wird. Jetzt sitzen also die vier engen Freunde am Küchentisch zusammen. Eine große Kanne Tee macht die Runde, während sie erzählen. Von Joe R. und von seinem Tod.

Wenn sich Susanne Hiller an Joe R. erinnert, dann ist er für sie bis heute derjenige, „der sich um die Kinder gekümmert hat“. Die junge Mutter bewunderte ihn dafür: „Er konnte mit seinem Klavier die Kinder für Musik begeistern. So habe ich mir immer einen idealen Paten gewünscht.“ Kinder spielten in seinem Leben eine große Rolle. Er war Musiklehrer an einer Schule in Mitte. Für Holger Meiners beweisen die Fotos vom Federballturnier im Tiergarten sein pädagogisches Talent: „Immer war er es, der von den Kindern umlagert war.“ Das Turnier, das Joe R. und Dirk Müller einmal im Jahr auf die Beine stellten, war für alle ihre Freunde ein großes Fest, mit Kaffee und Kuchen und Sekt und Saft. „Er war auch leidenschaftlicher Spieler“, sagt Holger Meiners. „Bei Spieleabenden schaffte er es, die Regeln so zu erklären, dass es nicht belehrend war und sofort Spaß gemacht hat, auch wenn niemand das Spiel zuvor kannte.“

Ulla Gärtner hat Joe R. kennen gelernt, als er seine Partnerschaft mit Dirk Müller hat kirchlich segnen lassen. Sie, die Kollegin von Müller, hat Joe R. sofort gemocht. Er hat sie auch motiviert, in den Chor einzutreten, den er leitete. Christian Neumann schließlich, der Vierte am Tisch, ist Joe R. als ruhiger, sehr ausgeglichener Mensch in Erinnerung. Auch als einer, der ihm Rätsel aufgegeben hat: „Ich habe mich immer gefragt, warum er sich der Anthroposophie zugehörig fühlt.“

Holger Meiners beschreibt Joe R. als jemanden, der keine Angst hatte, sondern offen war für alle und alles Neue. Aber es war nach Ansicht der Freunde nicht seine Neugier, die ihn zum Opfer machte. Joe R. habe sich an jenem Tag nicht das erste Mal mit dem Tatverdächtigen getroffen. „Es war ihr drittes Date“, sagt Christian Neumann, und Holger Meiners ergänzt: „Eben, er hatte überhaupt keine Gefahr gesehen.“ Keine Gefahr, sich auch diesmal auf den Sex einzulassen, auch dann nicht, als er sich offenbar hat fesseln lassen. „Das hat viel mit Vertrauen und Hingabe zu tun und wird häufig praktiziert“, sagt Susanne Hiller, „das ist auch bei Heterosexuellen eine verbreitete Spielart, es spricht nur niemand darüber.“ Joe R. ist diese Spielart vermutlich zum Verhängnis geworden. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass er wehrlos war, als der Angeklagte auf ihn einstach.

Das Sprechen darüber fällt den vieren schwer. Mit seinem Tod kamen angebliche Dinge ans Tageslicht, die sie nicht wussten, die Joe R. – da sind sie sich sicher – wahrscheinlich auch nie von sich hätte preisgeben wollen. So sah das auch der Pfarrer, der den Trauergottesdienst in der Heilig-Kreuz-Kirche leitete. In seiner Predigt sprach er auch von einer „abgewandten Seite“ in der Biografie des Toten, das Wort „Sünde“ fiel. Aber er sagte auch, dass damit nicht die Liebe infrage gestellt werden müsse, die Liebe zu einem Menschen, von dem man nicht alles gewusst habe. Er unterstrich damit das Recht des Toten auf Privatheit. Auch vor seiner Familie, den Freunden und sogar vor seinem Lebenspartner. Joe R. habe, indem er beide Welten strikt getrennt hielt, nicht nur sich, sondern auch alle anderen schützen wollen.

Der Schrecken sitzt auch sechs Monate nach seinem Tod bei den vier Freunden noch tief. Es ist der Schrecken darüber, mit ansehen zu müssen, wie nach seinem Tod alles Private schonungslos an die Öffentlichkeit gezogen wurde. Ulla Gärtner fühlt sich in der Situation unwohl, „etwas verteidigen zu müssen, wo es nichts zu verteidigen gibt.“ Sein Sexualleben, das sagen alle vier, war seine Sache.

Dabei blieben sie auch, als die Polizei bei den Ermittlungen auf eine Annonce im Internet gestoßen war, die der mutmaßliche Mörder aufgegeben haben soll. Unter dem Pseudonym „Metzger30“ soll er einen jungen Mann gesucht haben, der sich ihm „als Festbraten zur Verfügung stellt“. Diese Nachricht, gebündelt mit dem Umgang mit der Leiche, stellte für die Medien den Beweis dar, dass es sich hier, ähnlich dem spektakulären Fall in Hessen, um einen neuerlichen Fall von Kannibalismus handelte. Die Berliner Zeitung schrieb sogar, Joe R. habe auf diese Annonce geantwortet. Doch darauf fanden die Ermittler keine Hinweise.

Überschriften in Zeitungen, wie „Der beliebte Musiklehrer und sein dunkles Geheimnis – Joe R. unterrichtete und komponierte gern – Doch es zog ihn auch in die Schattenwelt“ (Die Welt) erzeugten den Eindruck, Joe R. habe sich töten lassen wollen. Das schließen alle vier kategorisch aus. Sie glauben auch nicht, dass Joe R. wusste, auf wen er sich da eingelassen hatte, geschweige denn, dass er ahnte, wie sehr den mutmaßlichen Täter kannibalistische Vorstellungen verfolgten, die ihn dazu getrieben haben könnten, Joe R. zu ermorden. Dafür spreche auch, wie sich die beiden tatsächlich kennen gelernt haben sollen.

Das soll über ein Internet-Dating-Portal für Homosexuelle geschehen sein. Diese Portale unterscheiden sich von den vielen anderen Online-Singlebörsen dadurch, dass im öffentlichen Bereich auch Nachrichten und Ausgehtipps für den schwulen Mann nachzulesen sind. Der Bereich, in dem Männer Männer suchen, um sich zu verlieben oder auch einfach nur Sex zu haben, sieht aus wie ein Internet-Kaufhauskatalog, mit Fotos, Körpermaßen und Angaben zu sexuellen Vorlieben. Dating-Börsen wie diese sind populär. Nach einem Chat haben sich Joe R. und sein mutmaßlicher Mörder getroffen. Auf kannibalistische Fantasien fanden die Ermittler keine Hinweise.

Viele von Joe R.’s Bekannten hatten vor allem das Internet für den Mord verantwortlich gemacht. Die Möglichkeit, sich virtuell und anonym zu treffen und zu unterhalten, sich als jemand zu verkaufen, der er gar nicht ist, das ist für Susanne Hiller ein Punkt, über den sie lange nachgedacht hat: „Da können sich Schüchterne zu Machos machen, weil ich nie weiß, wie ehrlich die Person ist, die dahinter steckt.“ Aber ist es deshalb auch gefährlich? Holger Meiners glaubt das nicht: „Ich will das Netz nicht verteufeln. Ich glaube, die Gefahr ist genauso groß bei anderen anonymen Treffen.“ Und dann stutzt er einen Moment. „Aber trotzdem staune ich, wie viele Leute so unbedarft damit umgehen.“ Christian Neumann wischt diese Bedenken fort: „Es liegt doch an einem selbst, zu gehen, wenn man dem anderen erstmals real gegenübersteht und ihn dann blöd findet.“ Joe R. muss seinem mutmaßlichen Mörder demnach vertraut haben.

Als Dirk Müller seine Kollegin anrief, um ihr zu sagen, dass Joe R. ermordet wurde, war eine seiner ersten Fragen, „ob er in der Firma so etwas wie eine Lebensbeichte ablegen müsse“, erinnert sich Ulla Gärtner: „Da habe ich nur gesagt: Ich wüsste nicht, was es da zu beichten gäbe.“ Sie war eine der wenigen aus dem Kollegenkreis, die Joe R. kannte. Wahrscheinlich wusste der Rest der Firma auch nicht, dass Dirk Müller homosexuell ist. Das war privat wie alles andere. Bis zu dem Tag, an dem es in den Zeitungen stand.

Wie alle, suchte auch die Schule, bei der Joe R. arbeitete, auf ihre Art nach Erklärungen. Die Verunsicherung der Eltern und Kollegen kann Holger Meiners verstehen: „Aber warum hat sich niemand von ihnen jemals gefragt: Was habe ich dazu beigetragen, dass Joe sich nicht geoutet hat?“ Auf einem Eltern-Lehrer-Gesprächsabend, zu dem die Schule eigens aus diesem Anlass eingeladen hatte, tauchte ein Psychologe auf, der eine halbe Stunde lang nach wissenschaftlichen Erklärungen für den Fall gesucht hat. Holger Meiners, der Dirk Müller in die Schule begleitet hatte, fragte sich währenddessen, wie sein Freund das aushält, was da von außen über ihn und seinen verstorbenen Lebenspartner gesagt wurde.

Mit den Schlagzeilen nach seinem Tod war Joe R. für seine Freunde ein zweites Mal gestorben. Susanne Hiller erinnert sich an den Tag, an dem sie mit ihrer Familie aus dem Urlaub zurückkam. Der Schwiegervater war unfähig etwas zu sagen. Er hielt nur das Titelblatt der B.Z. hoch, mit dem Foto von Joe R. vorne drauf. „Mir blieb das Herz stehen. Ich habe nicht wahrhaben wollen, was da stand.“ Der Schock machte nach und nach einer stummen Empörung Platz, „weil mit der Art und Weise der sensationsgeilen Berichterstattung ein Bild von Joe geprägt wurde, das mitnichten der Realität entsprach.“ Stumm war ihre Empörung, sagt sie, weil sie sich machtlos fühlte: „Außerdem bringt es ja nichts, wie ein Messias herumzulaufen und allen Leuten zu sagen: Hallo, was ihr da gerade lest, stimmt so nicht.“

Auf die Medienmacht, die nach dem Tod von Joe R. auf seinen Lebenspartner und die Freunde hereinbrach, war keiner von ihnen vorbereitet. Allein die Bild-Zeitung hatte bis zu 14 Reporter auf die Geschichte angesetzt. Das Haus und die kleine Straße in Friedenau, in der Joe R. und Dirk Müller lebten, wurde tagelang von Journalisten unterschiedlicher Medien belagert. Jeder, der sich näherte, wurde angesprochen: „Gehören Sie auch dazu?“ Als den Reportern der Stoff auszugehen drohte, sprachen sie wahllos Passanten am nahe gelegenen U-Bahnhof an: „Kannten Sie Joe R.?“ Zu Hause klingelte es ständig auf allen Apparaten. Da hatten sie sich in der Wohnung verbarrikadiert, nur die Freunde gingen noch ans Telefon. An ein Gespräch erinnert sich Holger Meiners genau: „Die Journalistin sagte, die Spekulationen würden mehr und mehr ins Kraut schießen und deshalb wäre es besser, wenn wir mit ihr redeten.“ Sie haben es nicht getan.

So waren es schließlich die Medien, die das Bild des Opfers prägten. Es ist das des lächelnden Klavierspielers, der einem vermeintlichen Kannibalen zum Opfer fiel, und, so klang es zwischen den Zeilen durch, daran zum Teil selbst schuld war. Holger Meiners waren diese Berichte zwar unerträglich, „aber nicht so schlimm, weil ich ja die andere Seite kenne“. Aber er befürchtet, dass Joe R. bald noch einmal die Würde genommen wird, während des bevorstehenden Prozesses. Er hofft zusammen mit den anderen, dass sich die Berichterstattung über den Fall so nicht wiederholen wird.

Die Namen der vier Freunde sind in diesem Bericht geändert.

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