Berlin : Dem Trauma zum Trotz

Bei den Handballern der Reinickendorfer Füchse hofft Trainer Georgi Swiridenko auf mehr Glück als einst in Spandau

Klaus Rocca

Es musste Berlin sein. Ausgerechnet Berlin. Hier, wo ihm vor Jahren beim Handballspiel die Bänder in der Schulter rissen und er nach der Operation seine Karriere beenden musste. Hier, wo ihm sein Arbeitgeber Blau-Weiß Spandau monatelang das Gehalt schuldete und schließlich Pleite ging. Es musste Berlin sein, obwohl seine Töchter partout nicht wieder zurückwollen. Georgi Swiridenko hat alle Bedenken zur Seite geschoben. „Berlin gefällt mir. Und ich will hier was erreichen“, sagt er. Also packte er die Koffer, kehrte Bremen den Rücken und wird in den nächsten Tagen in Spandau Quartier beziehen. In Spandau also, wo er einst so bittere Monate erlebte.

Doch diesmal will er nicht in Spandau, sondern in Reinickendorf was erreichen. Das Ziel haben ihm andere vorgegeben: Aufstieg mit den Reinickendorfer Füchsen in die Handball-Bundesliga, tunlichst schon im Jahr 2005. Mit ihm, Swiridenko, als Trainer. „Ich bin Realist. Und als solcher habe ich Zweifel, ob das so schnell klappt“, sagt Swiridenko. Wer lebt schon gern mit solch einer großen Erwartungshaltung.

1988 in Seoul Olympiasieger

Er ist aber auch Fachmann genug, um zu ahnen, dass die Zielsetzung für 2005 nicht sonderlich realistisch ist. 1988 wurde er, im weißrussischen Minsk geboren, mit der UdSSR in Seoul Olympiasieger, zwei Jahre später in Prag Vizeweltmeister. Und dass vor Jahren der VfL Gummersbach um ihn als Trainer buhlte, zeugt auch von der Wertschätzung, die er in Handballkreisen genießt. „Damals konnte ich noch nicht so gut Deutsch, deshalb habe ich es mir auch nicht zugetraut, zu so einem renommierten Klub wie Gummersbach zu gehen“, gibt der heute 40-Jährige zu. Sein Freund Juri Schewzow, mit dem er Olympiasieger wurde, wagte den Schritt und wurde auf Anhieb mit dem TBV Lemgo Deutscher Meister.

Schewzows und Swiridenkos Wege hatten sich immer wieder gekreuzt. 1993 überredete Schewzow seinen Landsmann, Italien den Rücken zu kehren und nach Berlin zu kommen. In Syrakus hatte Swiridenko erstklassig gespielt, in Palermo zweitklassig. In Spandau wurde Schewzow sein Trainer. Swiridenko war Spielmacher, Schewzows verlängerter Arm. So lange, wie ihn besagtes Missgeschick mit der Schulter traf. Nach der langen Rehabilitationszeit kehrte er zurück in seine Heimatstadt, trainierte dort SKA Minsk und die Junioren-Auswahl Weißrusslands.

Bis wieder ein Anruf aus Spandau kam. Seinen Freund Schewzow hatte es nach Lemgo gezogen, die Trainerstelle bei der HSG Spandau war frei. Swiridenko zögerte nicht lange. Er hat es später so manches Mal bereut. Als es mit dem Klub, vor allem finanziell, immer mehr bergab ging, als kein Geld mehr auf seinem Konto ankam. Spätestens dann, als der Verein bankrott war. Swiridenko folgte 2000 nicht dem Ruf aus Gummersbach, sondern ging zum TV Grambke-Bremen. Der spielte einst in der höchsten Spielklasse, musste aber zuletzt mit der Unterklassigkeit vorlieb nehmen.

Für zwei Jahre unterschrieben

Trotzdem wunderte es nicht, dass Berlin Swiridenko nicht loslässt. Trotz allem. Und dann rief ihn ein Mannschaftskamerad aus alten Spandauer Zeiten an: Michael Jantzen. Der war inzwischen bei den Füchsen gelandet. Swiridenko gab wieder sein Ja-Wort, unterschrieb für zwei Jahre. „Bei den Füchsen ist alles viel professioneller als damals in Spandau“, weiß er schon nach den ersten Eindrücken. Ob die Füchse schon so professionell sind, dass sie ihr angepeiltes Ziel nicht aus den Augen verlieren? „Ich glaube, es müssten noch mehr Verstärkungen her“, sagt Swiridenko vorsichtig. Das sehen andere auch so, doch wie stets mangelt es auch diesmal am Geld. Wenn der neue Füchse-Coach am 24. Juli erstmals das Training leitet, wird er genauer wissen, woran er ist. Die Saison beginnt am 5. September mit einem Heimspiel gegen den Aufsteiger HSC Landwehrhagen.

Bis dahin hofft Swiridenko, auch seine privaten Dinge in den Griff zu bekommen. Seine 20-jährige Tochter bleibt in Bremen, seine jüngere trennt sich nur ungern von ihren Bremer Freundinnen. Und seine Frau sucht noch in Berlin einen Job. Immerhin, diesmal ist Swiridenko optimistisch, dass er sein Gehalt bekommt. Und dass Berlin für ihn nicht wieder zum Trauma wird.

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