Demenz : Den Patienten helfen - Hand in Hand

Pflegeforscher untersuchen, wann und wie es dementen Menschen besser geht.

Adelheid Müller-Lissner

„Was hat er denn bloß, wo tut es ihm weh?“ Bei einem kleinen Kind, das noch nicht sprechen und seine Beschwerden artikulieren kann, finden wir es selbstverständlich, wenn die Erwachsenen in seiner Umgebung sich diese Frage stellen. Erfahrene Pflegekräfte und betreuende Angehörige wissen, dass sie auch im Raum steht, wenn alte, schwer verwirrte Menschen sich auffällig verhalten, wenn sie etwa jammern, nicht aufstehen möchten oder aber auffällig aggressiv reagieren. „Für herausfordernde Verhaltensweisen gibt es immer einen Grund“, sagt Thomas Fischer, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Arbeitsgruppe für pflegerische Versorgungsforschung am Institut für Medizinische Soziologie der Charité. Intuitiv und aus Erfahrung ist das den Betreuern meist klar. Doch die Suche nach der Ursache eines Unbehagens, das einen Menschen mit einer Demenz erfasst, wird bisher meist nicht systematisch betrieben.

Pflegewissenschaftler haben inzwischen allerdings Stufenverfahren entwickelt, die es erlauben, genau das zu tun. Beim Programm namens „Serial Trial Intervention“ (STI) achten Pflegekräfte eines Alten- oder Pflegeheims zunächst auf alles, was darauf hinweisen könnte, dass ein verwirrter Bewohner, der sich auffällig verhält, unter körperlichen Beschwerden leidet. In einem zweiten Schritt überlegen sie, ob er oder sie sich gefühlsmäßig nicht geborgen fühlen könnte – etwa, weil die Gruppe zu groß ist oder zu wenige Anregungen und Bewegungsanreize geboten werden. Es folgt der Versuch, mit Angeboten wie dem „Snoezelen“, dem Aufenthalt in einem warmen Raum mit vielfältigen Sinnenreizen, für eine Entspannung der Lage zu sorgen. Erst wenn der Betroffene sich auch danach nicht besser fühlt, wird mit dem Arzt darüber gesprochen, ob Medikamente zum Einsatz kommen sollen.

Der Pflegewissenschaftler Fischer ist davon überzeugt, dass ein strukturiertes Programm wie STI, an das sich alle Mitarbeiter einer Einrichtung halten, dabei helfen kann, „schwieriges“ Verhalten verwirrter Menschen zu einem selteneren Phänomen zu machen. Streng wissenschaftlich belegt ist das allerdings bisher nicht. Deshalb läuft an der Charité derzeit eine Studie, an der 19 Pflegeheime im Rhein-Main-Gebiet teilnehmen und in der STI mit dem eher unstrukturierten Vorgehen verglichen wird. Sie wird im Rahmen des „Leuchtturmprojekts Demenz“ vom Bundesgesundheitsministerium finanziert, erste Ergebnisse sind im nächsten Jahr zu erwarten.

In Deutschland leiden derzeit circa 1,2 Millionen Menschen an einer demenziellen Erkrankung, bis zum Jahr 2020 werden es Hochrechnungen zufolge 1,4 Millionen, bis 2050 mehr als zwei Millionen Menschen sein. Neben der Vorbeugung und der Heilung, die weiter die großen Zukunftshoffnungen bleiben, ist die medizinische und pflegerische Versorgung der Erkrankten zum ganz großen Forschungsthema geworden.

So fördert das Gesundheitsministerium denn auch eine zweite pflegewissenschaftliche Studie, die sich mit Wohnformen von Menschen mit Alzheimer und ähnlichen Erkrankungen beschäftigt. Sechs von zehn Betroffenen wohnen im familiären Umfeld und werden meist von Angehörigen und ambulanten Pflegediensten betreut. Das heißt jedoch nicht, dass die übrigen 40 Prozent „im Heim“ leben würden. Denn inzwischen gibt es eine Reihe unterschiedlicher Wohnformen.

Die Studie, ein Kooperationsprojekt mit der Alice-Salomon-Hochschule Berlin, das auch von der Berliner Alzheimer Gesellschaft unterstützt wird, widmet sich jetzt der Frage, wo es Bewohnern ein Jahr nach dem Einzug gesundheitlich und psychisch besser geht: in einer betreuten Wohngemeinschaft, in der ausschließlich Menschen mit einer Demenz leben, in einer WG, in der Senioren mit und ohne Demenz leben, oder in einem Pflegeheim, das Spezialwohnbereiche für demente Patienten hat. Denn noch ist offen, wo Verhaltensauffälligkeiten besser aufgefangen werden können, wo die Selbstständigkeit in einigen Alltagsdingen länger erhalten bleibt, wo die soziale Einbindung besser ist. Fischer vermutet, dass nicht eine Wohnform als „Sieger“ aus der Studie hervorgehen wird. Auch hier könnte es, ähnlich wie beim Umgang mit „schwierigem“ Verhalten, vor allem auf sinnvolle Strukturen ankommen. Fischer vermutet, dass die Alternative „zu Hause wohnen bleiben oder ins Heim gehen“, die heute viele ältere Menschen beunruhigt, in Zukunft keine so große Rolle mehr spielen wird. „Wir werden wahrscheinlich viele Mischformen erleben, die Raum für persönliche Vorlieben lassen.“ Immer mehr verwirrte ältere Menschen werden dann möglicherweise den Tag in einer Pflegeeinrichtung, die Nacht jedoch im privaten Umfeld verbringen. Professionelle Pflegekräfte, Mediziner und Laien werden Hand in Hand arbeiten. Vor allem die Angehörigen brauchen dafür jedoch deutlich mehr Unterstützung, als sie sie heute bekommen. Studien, die das beweisen, liegen schon vor. Adelheid Müller-Lissner

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