Berlin : Demo gegen Fremdenfeindlichkeit: Ein Schritt weiter

clw

"Wir wollten die Rechten mit ihren eigenen Waffen schlagen", sagt Oliver Handlos, der bei der Werbeagentur Scholz & Friends als Texter für die Kampagne "Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein" verantwortlich ist. Daher haben sie farbige Deutsche mit T-Shirts aus der rechten Szene fotografiert. Seit gestern schauen sie von fast 300 Litfaßsäulen in der Stadt. Das Plakat am Baugerüst des Tacheles ist gar 8 mal 10 Meter groß: Ein Fanal gegen den rechten Mob, dessen rassistische Slogans hier ironisiert und ad absurdum geführt werden. Die Ausländerbeauftragte der Bundesregierung, Marieluise Beck (Grüne), nannte die Kampagne bei der gestrigen Vorstellung in der Galerie Eigen + Art denn auch die "Rückeroberung" eines Satzes, der von den rechten viel zu lange okkupiert worden sei. Angesichts der nur 120 000 Mark, die Beck jährlich für Öffentlichkeitsarbeit zur Verfügung stehen, ist sie froh, dass die Kampagne von den Beteiligten selber finanziert wird.



Sebastian Turner (34) ist Geschäftsführer der Werbeagentur Scholz & Friends Berlin. Seine Agentur ist Mitinitiator der Anzeigenkampagne "Deutsche gegen Rechte Gewalt", die farbige Deutsche mit dem Slogan "Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein" zeigt (siehe Kasten). In unserer Serie zur Demonstration am 9. November haben wir Sebastian Turner zur Demo und über sein Engagement gegen Rechts befragt.

Wie kamen Sie auf die Idee, die Anzeigenkampagne gegen Rechts anzuschieben?

Ein Mitarbeiter hat mir einen Entwurf für ein Plakat gezeigt, von dem alle begeistert waren, weil es so anders war. Normalerweise predigen soziale Aktionen ja nur den ohnehin schon Bekehrten. Diese Aktion geht aber einen Schritt weiter.

Farbige Deutsche mit dem in Fraktur geschriebenen Satz "Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein" - eine Provokation?

Wir alle haben das Bedürfnis nach Identität. Nationale Symbole werden aber in Deutschland völlig einseitig von extremen Gruppen vereinnahmt. Damit verschaffen sich die Rechten eine Legitimation, die ihnen gar nicht zusteht. Wir wollen mit der Kampagne den Rechten diesen Slogan "Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein" wieder entreißen.

Hatten die farbigen Deutschen, die sich für die Kampagne fotografieren ließen, kein Problem mit dem "rechten" Slogan?

Viele haben auf solch eine Gelegenheit geradezu gewartet. Und wir können den Farbigen Deutschen gar nicht dankbar genug sein, dass sie uns aus diesem Dilemma befreien. Solch ein Satz wird ja meist einem rechtsextremen Umfeld zugeordnet. Zudem zeugt es von großer Zivilcourage, sein Gesicht gegen Rechts auf den Litfasssäulen der ganzen Republik zu zeigen.

Wer bezahlt die Aktion?

Wir haben alle beteiligten Unternehmen gebeten, ihre Leistungen unentgeltlich zu erbringen. Erstaunlicherweise haben wir überall positive Resonanz geerntet. Offensichtlich gibt es ein weit verbreitetes Gefühl, dass wir gegen den Rechtsextremismus etwas tun müssen. Ohne das Engagement der Firmen und Einzelpersonen hätte die Kampagne über eine Million Mark gekostet.

Sie haben also gar kein Geld von der öffentlichen Hand bekommen?

Wir haben nicht einmal danach gefragt. Es ist also eine klassische Form von Bürgerengagement. Aber wir freuen uns, dass die Ausländerbeauftragte Marieluise Beck diese Aktion unterstützt.

Was halten Sie von der Demonstration am 9. November?

Eine Demonstration gegen rechte Gewalt kann nur gut sein. Ich finde es allerdings peinlich, dass die Beamten nicht Urlaub nehmen, um daran teilzunehmen, wie jeder andere auch.

Werden Sie an der Demo teilnehmen?

Ja.

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