Berlin : Demo gegen Rassismus: Pro und Contra

Die Demonstration gegen Fremdenfeindlichkeit beginnt am Donnerstag um 16 Uhr 30. Für viele Beschäftigte ist das zu früh. Manche Einrichtungen des öffentlichen Dienstes haben ihre Arbeitszeiten deshalb diesem Termin angepasst. Meistens gilt ohnehin eine Kernarbeitszeit bis 15 Uhr. Gewerkschaften fordern, die Arbeitgeber sollten für die Demonstration freigeben.

Wenn Udo (Lindenberg) und Rudi (Völler) dabei sind, wollen wir auch dabei sein. Wir - die Arbeitnehmer, die Arbeiter und meinetwegen auch die Beamten. Immer wieder zu spät wurde in Deutschland gegen die Gewalt von Rechts, gegen dumpfe Fremdenfeindlichkeit aufgestanden. Da wollen wir doch wenigstens einmal, zur Demo am 9. November, pünktlich sein.

Udo und Rudi können ihre Termine so einrichten, dass sie um 16.30 Uhr da sind. Wer aber einen Chef hat und eine tariflich geregelte Arbeitszeit, der muss fragen, ob er früher gehen darf. In Ausnahmefällen wird ein guter Chef nichts dagegen haben; das gilt zum Beispiel für Arztbesuche oder dringende Familienangelegenheiten. Warum also sollten die Arbeitgeber nicht auch großzügig sein, wenn es um eine große Demonstration für Menschlichkeit und Toleranz geht? Ausnahmsweise haben alle (demokratischen) politischen Lager und ein breiter Querschnitt der Gesellschaft dazu aufgerufen, und es wäre ein weiteres gutes Signal, wenn der öffentliche Dienst und die private Wirtschaft solidarisch handeln und die Arbeitnehmer nachmittags ziehen lassen.

Naja, vielleicht geht der eine oder andere dann nicht zur Kundgebung, sondern setzt sich ins Café oder geht einkaufen. Aber jeder Freiraum schafft Missbrauchstatbestände. Daran sollte man es nicht scheitern lassen. Und auch nicht an dem gruseligen Gefühl, hier handele es sich um einen staatlich verordneten Aufmarsch, zu dem die Betriebs- und Wohnkollektive geprügelt werden. Dieses Gefühl trügt. Wer am 9. November kommt, der kommt freiwillig und folgt seiner inneren Überzeugung, die nicht jeder andere mit ihm teilen muss. Also, Arbeitgeber: Gebt Euch einen Ruck, damit er durchs Land geht! Ulrich Zawatka-Gerlach

Am 9. November wird in Berlin demonstriert gegen Fremdenfeindlichkeit. Politiker, Gewerkschaften und Verbände, alle rufen sie zur Teilnahme auf. Angesichts der erschreckenden Zahlen rassistischer Aggressionen ist es nur höchste Zeit, dass Menschen gegen diese Übergriffe ein Zeichen setzen wollen - an einem für Deutschlands Geschichte so symbolträchtigen 9. November. Nur schade, dass dieser Tag in diesem Jahr mitten in der Woche liegt und nicht auf einen Sonnabend oder Sonntag fällt, an dem die meisten Menschen frei haben. Beinahe unvermeidlich kamen die Forderungen, Geschäfte und Amtsstuben in dieser Zeit zu schließen und den Beschäftigten freizugeben, damit diese an der Demonstration teilnehmen können. Diese Appelle haben schon etwas sehr Zwanghaftes. Nach dem Motto: Wir bemühen uns kollektiv darum, die Demonstration zu einem Erfolg werden zu lassen. Steckt da nicht vielleicht die Befürchtung dahinter, es könnten sonst nicht genug kommen. Zumal die von den Veranstaltern erhoffte Zahl von 30 000 Teilnehmer nun wirklich nicht besonders hoch gegriffen ist. Das Recht auf Demonstrationen ist ein hohes Rechtsgut in Deutschland. Aber es sollte die Bürger nicht von der Aufgabe entbinden, sich bewusst und individuell für eine Teilnahme an Demonstrationen zu entscheiden und nicht, weil es dafür freigibt. Gerade wenn es um ein so wichtiges Thema wie in diesem Fall geht, ist es jedem zuzumuten, wenn nötig die eine oder andere Überstunde für die Teilnahme an der Demonstration zu nutzen. Wegen des Termins am späten Nachmittag handelt es sich nur um eine oder zwei Stunden. So viel sollte einem der Kampf gegen die Fremdenfeindlichkeit im eigenen Land schon wert sein. Gesellschaftliches Engagement ist nicht zum Nulltarif zu haben. Sigrid Kneist

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