Berlin : Demo gegen Rechts: "Es geht um die Zukunft in diesem Land"

Jörn Hasselmann

Weit mehr als 200.000 Menschen demonstrierten am 62. Jahrestag der Pogromnacht gegen rechte Gewalt und Fremdenhass. Der Zug unter dem Motto "Wir stehen auf für Menschlichkeit und Toleranz" führte von der Synagoge an der Oranienburger Straße zum Brandenburger Tor. An der Spitze liefen Kanzler Schröder mit Frau und Bundespräsident Rau. Am Pariser Platz sprachen Rau und der Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Paul Spiegel. Die Demonstration verlief nahezu ohne Zwischenfälle. Die 1200 Polizisten nahmen lediglich vier Personen aus der Antifa-Szene fest. "Ich hatte mehr Problemen erwartet", sagte der Einsatzleiter der Polizei, Schubert, am späten Abend.

Die Polizei hatte den Pariser Platz abgeriegelt, nachdem er mit etwa 25 000 Menschen gefüllt war. Diese Taktik verhinderte nicht nur eine Massenpanik auf dem Platz, sondert sicherte denjenigen, die rechtzeitig da waren, einen Gedrängel-freien Blick auf die Bühne. Auch Silvester oder am 3. Oktober hatte die Polizei den Platz gesperrt.

Die große Mehrzahl der Demonstranten musste den Reden und der Musik auf dem Boulevard Unter den Linden oder auf der Westseite des Tores lauschen, Unmut kam aber nicht auf, weil gute Lautsprecher die Reden bis hin zur Friedrichstraße übertrugen. "Es geht um die Zukunft in diesem Land", mahnte unter anderem der Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Paul Spiegel. Im Kampf gegen Rechtsextremismus gehe es nicht mehr darum, den "Anfängen zu wehren", sagte Spiegel: "Wir sind längst über dieses Stadium hinaus." Zum Abschluss spielte das Orchester der Staatsoper unter der Leitung von Daniel Barenboim Beethovens 5. Sinfonie.

Die Erwartungen der Veranstalter - 30 000 Teilnehmer und die Prognosen der Polizei - 100 000 - wurden weit übertroffen. Schon gegen 18 Uhr war klar, dass weit mehr Menschen dem Aufruf "gegen Rechts" gefolgt sind. Als Präsident Rau die Bühne am Pariser Platz betrat, hatte das Ende des Zuges auf der Friedrichstraße nicht einmal die Spree überquert. Gegen 16 Uhr war klar, dass dieser Aufruf eines sehr breiten Bündnisses viele Menschen mobilisiert hatte, der ungewöhnlich milde Novemberabend tat sein übriges. 30 000 Menschen warteten in der Oranienburger Straße an der Synagoge auf den Beginn der Kundgebung.

Viele Firmen, Banken und Behörden hatten ihren Mitarbeitern "demofrei" gegeben. Zum ersten Mal seit acht Jahren nahm auch die politische Spitze der Bundesrepublik gemeinsam an einer Demonstration teil. Um auch den Abgeordneten die Teilnahme zu ermöglichen, beendete der Bundestag seine Sitzung früher als üblich. Neben dem Kanzler und Bundespräsidenten nahmen auch mehrere hundert Prominente wie Steffi Graf, Günter Grass, Henry Maske oder Udo Lindenberg teil.

Problematisch war einzig der Start des Zuges vor der Synagoge, da die Sicherheitsbeamten von Schröder, Rau, Fischer und den anderen Politikern rücksichtslos in die extrem dicht stehende Menge drängten, die nicht zurückweichen konnte. Der Einsatzleiter der Polizei, Jürgen Schubert, räumte ein, dass das nicht optimal gelaufen sei.

Überwiegend war die Stimmung unter den Hundertausenden aber heiter und gelassen. Viele Menschen hatten sich für zwei Mark den bunten Anstecker der Organisatoren mit dem "Wir stehen auf" gekauft, viele trugen grüne Luftballons mit der Aufschrift "Nein zu Neonazis". Viele Teilnehmer hatten eigene, fantasievolle Tranparente gemalt. Ein junger Mann trug ein Plakat spazieren mit der Aufschrift "Meine Leitkulturen", unter der zahlreiche Nationalfahnen abgebildet waren. Die 10 000 Plastikbären auf dem Mittelstreifen der Linden waren vorher von der Polizei mit Gittern gesichert worden, das Kunstwerk sollte so kurz vor dem Abbau nicht mehr gefährdet werden.

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