Demonstration : Bauer sucht Stau

Mit Alphorn und Kuhglocken: 7000 Landwirte aus verschiedenen Bundesländer haben am Donnerstag für höhere Milchpreise demonstriert und dabei den Verkehr lahm gelegt.

Sandra Dassler
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Die Milchbauern kamen von weit her, um vor dem Brandenburger Tor zu protestieren. -Foto: dpa

BerlinPeter Steinke aus Bad Tölz konnte es nicht fassen: „Da fahren wir nach Berlin, um Großstadtluft zu schnuppern“, beklagte er sich, „und wer steht vor dem Brandenburger Tor? Alphornbläser aus Bayern – brutal!“ Auch andere Touristen glaubten an diesem Donnerstag ihren Augen nicht zu trauen. Oder besser gesagt: ihren Ohren. Denn lange bevor man die rund sechstausend deutschen Milchbauern sah, hörte man sie. Statt ihre Rindviecher dem Stress der Hauptstadt und sich der Kritik der Tierschützer auszusetzen, hatten sich viele Demonstranten selbst Kuhglocken umgehängt. Das legte den Verkehr in Mitte zwar ein wenig lahm, regte aber auch die Phantasie der Passanten an.

„Das hört sich ja an wie beim Almabtrieb“, sagte eine ältere Berlinerin kopfschüttelnd. Der Abtrieb begann stilgerecht am Brandenburger Tor. Fünf Herren in Krachledernen und Gamsbart-Hüten bliesen den Demonstranten mit fast vier Meter langen Alphörnern im wahrsten Sinne den Marsch. Der illustre Zug setzte sich in Bewegung: mit Glocken, Trillerpfeifen und langen, im Wind flatternden roten Bändern. Auf denen standen die Namen jener Landwirte, die sich der Forderung des Bundesverbandes Deutscher Milchviehhalter (BDM) angeschlossen haben: Faire Preise für die Milch, Preise, die wenigstens die Kosten decken.

„43 Cent brauchen wir mindestens“, sagte eine Bäuerin aus dem Schwarzwald. Sie trug ein Plakat mit der Aufschrift: „Uns will man mit Krümeln locken, andere dürfen Billionen verzocken“. Überhaupt waren Anspielungen auf die Finanzkrise auf vielen Plakaten zu lesen. Vielleicht gehörten deshalb die Sympathien der meisten Touristen und Berliner den glockenschwenkenden Bauern. „Bei uns gibt es das gleiche Problem“. sagte Will Johnston aus Queensland in Australien und seine Frau nickte zustimmend: „Unsere Bauern stellen wie die deutschen qualitativ hochwertige Milch her, die aber vom Preis her nicht mit der Milch aus Asien konkurrieren kann.“

In Zeiten des chinesischen Melamin-Skandals hätten da Produzenten und Verbraucher die gleichen Interessen, betonte ein BDM-Redner am Gendarmenmarkt, während viele Demonstranten erschöpft auf den Treppen des Konzerthauses niedersinken. Schließlich sind sie oft schon um zwei Uhr losgefahren – und die Demo geht ja noch weiter zum Reichstag und wieder zurück. Vor dem Büro des vom BDM kritisierten Milchindustrie-Verbands in der Jägerstraße kippen derweil hessische Bauern einen Milchpulverberg auf. Feine weiße Flocken wirbeln durch die Luft. Jennifer Luiz und Julia Walker jubeln den deutschen Bauern zu. „Wir sind auch für Fairness“, sagen die Afroamerikanerinnen: „Deshalb wählen wir auch Barack Obama. Hat er nicht hier seine Rede gehalten?“ Sandra Dassler

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