Berlin : Demonstrative Wiedereinbürgerung

Warum Wolf Biermann die Ehrenbürgerschaft Berlins verliehen werden sollte Von Norbert Lammert

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Wolf Biermann ist seit ein paar Tagen 70 Jahre jung, Heinrich Heine ist seit 150 Jahren tot und heute möglicherweise lebendiger als je zuvor. Beide verdeutlichen Kontinuitäten und Brüche, hartnäckig Festgehaltenes und leichtfertig Aufgegebenes in der Geschichte eines damals wie heute schwierigen Vaterlandes, das mit Heine damals und Biermann heute zwei glanzvolle Interpreten gefunden hat, die ihm jeweils auf ihre Weise gnadenlos die Leviten gelesen haben. Man könnte Biermann – mit maßvoller Übertreibung – für die Reinkarnation Heinrich Heines unter den veränderten Bedingungen Deutschlands und Europas halten: politische Liedermacher, Dichter, Provokateure, Gesinnungsbrüder, Komplizen im besten Wortsinn.

Beide hatten ihre Anhänger und ihre Gegner, der Staat konnte unter den jeweiligen Verhältnissen an beiden keine rechte Freude entwickeln. Heine wurde verboten. Biermann auch – ausgerechnet in dem Teil unseres Landes, der besonders deutsch, besonders demokratisch und besonders republikanisch sein wollte.

Freiwillig war Biermann 1953 vom Westen in den Osten ausgewandert, „gegen den Strom der innerdeutschen Völkerwanderung“, in der Hoffnung auf eine bessere Welt, mindestens einen besseren Staat – unfreiwillig wurde er in den Westen zurückgeschickt. Im November 1976 – vor genau dreißig Jahren – wurde Wolf Biermann während einer Konzertreise nach Westdeutschland von der DDR ausgebürgert. In einer Künstlerbiografie liest sich so etwas glänzend, im wirklichen Leben ist es eine wirkliche Katastrophe. Damals wird Wolf Biermann die „lebensbejahende Verzweiflung“ selbst empfunden und wohl auch gebraucht haben, die er am „vielleicht deutschesten Dichter“ Heinrich Heine beobachtet und bewundert hat. Sein erstes öffentliches Konzert in der DDR gab Biermann nach 25 Jahren des Auftrittsverbots am 2. Dezember 1989 in Leipzig: Da war die Mauer gefallen und mit der Mauer ein ganzer Staat und ein gänzlich gescheitertes System.

1998 erhielt Wolf Biermann den Deutschen Nationalpreis der Deutschen Nationalstiftung. Altbundeskanzler Helmut Schmidt sagte damals anlässlich der Verleihung in Berlin: „Der heutige Preisträger hat sich auf besondere Weise verdient gemacht, er hat ein Stück deutsche Identität gestiftet. Wolf Biermann hat mit seinen unorthodoxen Mitteln vor und nach seiner Ausbürgerung aus der DDR Intellektuelle, Künstler und Dichter in der DDR wahrhaft mobilisiert. Er hat dies auf seine Weise getan, indem er stets Zivilcourage bewiesen hat. Er mag uns manchmal unangenehme Wahrheiten sagen, aber das ist und wird seine Aufgabe bleiben.“ Das eine ist so richtig wie das andere.

„Es ist nichts aus mir geworden, nichts als ein Dichter“, schreibt Heine über sich selbst – immerhin möchte man meinen, es gibt schlimmer gescheiterte Karrieren als diese. Biermanns Hinweis, Heine werde „noch immer geliebt und gehasst – und beides in der Regel von den richtigen Leuten“, trifft umgekehrt auf ihn nicht weniger zu als auf Heine. „Ich hatte das lehrreiche Privileg, in zwei deutschen Diktaturen zu überleben“, so Wolf Biermann jüngst bei der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes durch den Bundespräsidenten. Und das Überleben in der Demokratie ist eine andere, auch nicht immer ganz einfache Herausforderung.

Der Vorschlag, Wolf Biermann die Ehrenbürgerschaft von Berlin zu verleihen, ist ebenso einleuchtend wie überfällig. Sieht man sich die stattliche Liste der Ehrenbürger dieser Stadt an – mit vielen großen Namen und manchen peinlichen Irrtümern – , so fällt auf, wie wenige Künstler darauf zu finden sind. Und unter ihnen findet sich kein zweiter, der wie Biermann im Leben und Werk die Erfahrung zweier Diktaturen politisch wie künstlerisch aufgearbeitet hat – ein preußischer Ikarus, gelandet im wiedervereinigten Deutschland. Die Ehrenbürgerschaft Berlins wäre – dreißig Jahre nach seiner Ausbürgerung – mehr als eine symbolische Geste der demonstrativen Wiedereinbürgerung eines deutschen demokratischen Republikaners in die Hauptstadt, die ihm viel verdankt.

Der Autor ist Präsident des Deutschen Bundestages und gehört der CDU an.

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