Berlin : Demonstrieren bis zum Frieden

Die Kriegsgegner protestieren weiter – doch das Camp Unter den Linden muss wohl verschwinden

Christian Hönicke

„Da!“, ruft Frau Haller vom Straßen- und Grünflächenamt. „Die Küche da muss weg, das Piano auch, der ganze Müll da muss weg.“ Herr Haß von der Versammlungsbehörde nickt zustimmend. „Muss alles weg. Steht nicht im Versammlungsgebot.“ Die Friedenscamper vor der US-Botschaft Unter den Linden haben am Freitag wieder Besuch. Man diskutiert ein weiteres Mal darüber, ob das Camp noch eine Mahnwache gegen den Krieg sei. Und einigt sich schließlich: Bis 20 Uhr müssen Kochstelle und Müll verschwinden, am Montag wird über die beantragte Sondernutzungsgenehmigung für den Mittelstreifen geredet. Nur: Die wird Frau Haller zufolge voraussichtlich nicht erteilt, deswegen müssen die Zelte – auch das von Greenpeace – wohl am Montag verschwinden.

Schlechte Voraussetzungen im Kampf gegen den Krieg im Irak. Aber ist der nicht ohnehin praktisch vorbei? „Für uns noch lange nicht“, sagt Jens-Peter Steffen. Er ist Mitglied von „Ärzte gegen den Atomkrieg“ und Pressesprecher der „Achse des Friedens“, die die Demonstration am Sonnabend ab 14 Uhr vom Lützowplatz zum Brandenburger Tor organisiert. Sie wird trotz der neuen Lage auf jeden Fall stattfinden. Man hatte sich auf 50 000 Teilnehmer eingerichtet, „aber wir glauben, dass wegen der unübersichtlichen Lage im Irak weniger kommen“. Die Friedensbewegung werde wohl abflauen, sagt Steffen. Immerhin kann man sich über das Erreichte freuen: Um Kindern im Irak zu helfen, erhielten die „Ärzte gegen den Atomkrieg“ einen vierstelligen Euro-Betrag von den Globalisierungsgegnern „Attac“, die die Friedensfahnen verkaufen. Und solange die Demos noch Straßen blockieren (siehe Grafik), erreicht man zumindest die Verkehrsteilnehmer.

Das gilt auch für die Montagsdemos an der Humboldt-Universität Unter den Linden. „Unser Motto ist: Demonstrieren bis zum Frieden,“ sagt Mitorganisator Hajo Funke. Er könne nicht absehen, wie viele Leute am Montag kommen werden. „Wichtiger ist aber das organisierende Element: Man trifft sich, man zeigt sich, man formuliert seine Gedanken.“ Funke blickt auch schon weiter und wirft die Frage auf, ob man nicht vor den nächsten Gefahren in Syrien oder im Iran warnen müsse. „Natürlich müssen wir aber je nach Situation entscheiden, wie und ob die Montagsdemos weitergehen“, sagt er.

„Es gibt weiter Themen und Aufgaben für die Friedensbewegung“, sagt Forscher Dieter Rucht, der Massenbewegungen analysiert. „Zurzeit ist es jedoch schwierig, klare Parolen zu formulieren.“ Deswegen geht er davon aus, dass der Zulauf für die Demos „eher dürftig wird“. Der harte Kern werde sich einfinden, aber das Laufpublikum werde mit hoher Wahrscheinlichkeit wegbleiben. „Vielleicht wäre es klüger gewesen, die Demos abzublasen“, sagt Rucht. „Wenn sich der Rauch gelegt hat, kann man auch wieder klare Forderungen formulieren.“ Die Aktionen wären zu groß angekündigt worden, deswegen seien die Veranstalter nun gezwungen, sie bis zum Ende durchzuziehen. Fast verschämt fügt der Wissenschaftler an: „Irgendwie erinnert mich das an das Verhalten von George W. Bush.“

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