Berlin : Demut üben mit Petrus und Wolf Biermann Eine erhellende Predigt in der Auenkirche

Claudia Keller

Die schöne neugotische Backsteinkirche in der Wilmersdorfer Wilhelmsaue ist voll. In Wechselgesängen preisen Pfarrer und Gemeinde Gott, es gibt ein Kyrie und Halleluja, auf der Empore singt ein Kantor. Sind das tatsächlich Protestanten hier in den Kirchenbänken? Alle machen mit, und – das ist das Erstaunlichste – alle wissen, wann und wie ihr Einsatz ist. Sie scheinen an die für evangelische Verhältnisse opulente Liturgie gewöhnt zu sein. Da trifft sich wohl Sonntag für Sonntag eine echte Gemeinschaft, denkt man und lässt sich von den Gesängen in den Gottesdienst hineintragen.

Die Lesung aus dem ersten Petrusbrief handelt von den Demütigen, die Gott erhöht. Demut, die zentrale christliche Tugend, ist wohl die am wenigsten zeitgemäße, die man sich vorstellen kann. Pfarrer Martin Germer schafft es, eine anregende Predigt daraus zu machen. Dabei hilft ihm ein Text Wolf Biermanns: „Lass dich nicht verhärten in dieser harten Zeit. Die allzu hart sind, brechen, die allzu spitz sind, stechen, und brechen ab sogleich.“ Biermann spricht von der schwierigen Balance zwischen Widerstand und Demut, sagt Germer. Denn Demut sei nichts Passives, nichts, das aus der Not geboren sei, sagt der Pfarrer mit klarer, unpastoraler Stimme. Demut sei eine bewusste Lebenshaltung. Der Petrusbrief richte sich auch nicht in erster Linie an die, die sowieso schon ganz unten sind. Einem schwer Kranken würde er nicht mit Demut kommen.

Vielmehr will Petrus die erreichen, die ein besonderes Amt ausüben und über andere bestimmen. Die sollen sich nichts einbilden auf ihr Amt, nicht um jeden Preis Stärke zeigen. Denn hinter Hochmut, Stolz und übertrieben nach außen getragener Stärke verberge sich oft das Gegenteil: innere Schwäche. Wer hingegen demütig ist, auch mal verzichten und in die zweite Reihe treten kann, sei stark. Vielleicht müsste man in Managerseminaren die Bibel lesen.

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