Berlin : Den Adolf machen

Publizist Henryk M. Broder steht heute wegen Beleidigung vor dem Amtsgericht. Er streitet verbissen mit einem jüdischen Verleger

Katja Füchsel

Es steht 2:1 – für den Verleger Abraham Melzer. So jedenfalls hat es der jüdische Autor Henryk M. Broder formuliert, nachdem er zuletzt im Januar vor dem Frankfurter Landgericht verloren hatte. Aber da es der 59-Jährige sportlich nimmt, wird er wohl versuchen, am heutigen Dienstag im Amtsgericht Tiergarten wieder Punkte gutzumachen. Im Saal 370 sitzt Broder auf der Anklagebank, weil er den jüdischen Verleger in seiner Ehre verletzt haben soll. Doch Broder gibt sich cool: „Der Prozess wird nach wenigen Minuten zu Ende gehen“, sagt Broder. Mit einem Freispruch, selbstverständlich.

Das Berliner Verfahren ist gewissermaßen ein Abfallprodukt, das Moabiter Kriminalgericht nur Nebenkriegsschauplatz in der Dauerfehde zwischen Melzer und Broder, zwei Jugendfreunden, die bereits vor Jahren zu erbitterten Feinden geworden sind. Ihr aktueller Streit entzündete sich im vergangenen Jahr an dem Buch „Das Ende des Judentums“, das im Melzer Verlag erschienen ist. Darin machte der Autor Hajo Meyer unter anderem „die früheste Ursache für den Antisemitismus im Judentum selbst“ aus und verglich Israels Besatzungspolitik mit jener der Nazis. Unter Holocaust-Überlebenden und vielen Mitgliedern der Jüdischen Gemeinde löste das israelkritische bis -feindliche Buch scharfe Reaktionen aus.

Publizist Henryk M. Broder setzte sich mit der These auf seine Art auseinander, unter der Schlagzeile: „Holo mit Hajo – Wie zwei Juden den Adolf machen“. Weiter schrieb Broder im Juli 2005 auf seiner Internetseite: „Mein Freund Abraham (Abi) Melzer hat da eine Lücke entdeckt, die er fleißig mit braunem Dreck füllt.“ Hajo Meyer sei ein „Berufsüberlebender“, zusammen hätten sich Meyer und Melzer wiederholt als „Kapazitäten für angewandte Judäophobie“ hervorgetan.

Während sich Broder und Meyer am Frankfurter Landgericht um eine einstweilige Verfügung stritten, diskutierten landesweit die Feuilletonisten darüber, ob ein Jude ein Antisemit sein kann und von einem anderen Juden als solcher gescholten werden darf. Zumindest in dieser Frage enthielt sich das Gericht seiner Meinung. Es stellte nur fest, dass Broder die Grenzen der Meinungsfreiheit überschritten habe. Lediglich die Formulierung „Wie zwei Juden den Adolf machen“ darf er weiter aufrecht erhalten – zumindest so lange, bis in der Hauptsache entschieden ist. „Diese Verhandlung steht im Herbst an“, sagt Broder.

Aber jetzt ist erst einmal die Berliner Justiz dran. „Eine kleine Geschichte“, winkt Broder gelangweilt ab. Einer seiner Kontrahenten habe damals eben Strafanzeige wegen Beleidigung erstattet, eine Reaktion, zu der er selbst sich nie hinreißen lassen würde. An die Höhe des Strafbefehls, sagt Broder, könne er sich gar nicht mehr erinnern, zwischendurch sei er in Amerika gewesen und habe die ganze Sache wohl „verpennt“. Trotzdem: Freiwillig zahlen will Broder die Strafe auf keinen Fall.

Um es ebenfalls mal sportlich auszudrücken: Eigentlich verdienten Broder und Melzer beide die Rote Karte. Ihr Streit hat inzwischen ein Niveau erreicht, das vor Geschmack weitgehend sicher ist. Auf seiner Internetseite hat Broder den Verleger zum „Schmock der Woche“ gekürt, hier verhöhnt er Melzer als „GRÖVAZ“, den größten Verleger aller Zeiten – eine Anspielung auf den „Größten Feldherrn aller Zeiten“, wie Hitler damals verspottet wurde. Auf die Homepage hat Broder auch einen Brief seines Widersachers gestellt, darin schimpft Melzer seinen ehemaligen Freund einen „charakterlosen, heuchlerischen, drittklassigen Winkeljournalisten“, dessen „jiddischer Gefilte-Fisch-und-Falafel-Patriotismus“ ihn dazu verleite, sich „im antisemitischen Kot zu wälzen“. Statt mit freundlichen Grüßen verbleibt der Verleger mit: „Sich weiter mit dir zu beschäftigen, ist eigentlich unmoralisch, denn es würde bedeuten, eine Leiche zu misshandeln.“

Starker Tobak, aber nicht Sache des Amtsgerichts Tiergarten. Hier wird sich heute alles nur um jenen Hajo-Adolf- Text drehen, um den auch in Frankfurt am Main gestritten wird. Wobei es dem Berliner Staatsanwalt in der Anklage offenbar nicht um einzelne Formulierungen geht. „Der Vorwurf der Beleidigung bezieht sich auf den gesamten Artikel“, sagt Justizsprecher Michael Grunwald.

Dass ja auch er nun guten Grund hätte, sich vom Verleger beleidigt zu fühlen, tut Broder mit einem Schulterzucken ab. „Ich stelle das nur wegen des Unterhaltungswertes ins Internet.“

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