Berlin : Den Düften auf der Spur

1910 erhielt Otto Wallach den Chemie-Nobelpreis – doch in Potsdam kennt ihn kaum jemand. Das soll sich ändern.

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Potsdam - Er war ein kränklicher Junge, galt als unbegabtes Sorgenkind, in den ersten Jahren am Königlichen Gymnasium in der heutigen Friedrich-Ebert-Straße – dem Vorgänger des Helmholtz-Gymnasiums – gehörte er nach eigenem Bekunden sogar zu den schlechtesten Schülern. Und doch sollte Otto Wallach seine wissenschaftliche Karriere im Jahr 1910 mit dem Nobelpreis für Chemie krönen. Geehrt wurde Wallach vom Nobelkomitee „für seine Verdienste um die organische Chemie und die chemische Industrie durch seine Pionierarbeit auf dem Gebiet der alizyklischen Verbindungen“. Seine Arbeiten zur Zusammensetzung ätherischer Öle waren die Voraussetzung für die Produktion von synthetischen Duftstoffen.

In der Universitätsstadt Göttingen, wo Wallach ab 1867 studierte und nach Zwischenstationen in Berlin und Bonn seit 1889 Professor war, wird seine Arbeit heute unter anderem im Museum der Göttinger Chemie gewürdigt. In Potsdam, wo Wallach 15 Jahre lang lebte und auch sein Abitur ablegte, ist der Nobelpreisträger dagegen kaum jemandem ein Begriff. Doch das soll sich ändern: Der bayerische Unternehmer Peter Niedner hat sich beim Rathaus für ein Gedenken an Wallach stark gemacht. Das sei „ein Akt der Wiedergutmachung“, schreibt Niedner, der sich in Potsdam auch für die Garnisonkirche und die Orangerie engagieren will und der seit Jahren mit dem Land Brandenburg im Rechtsstreit liegt, in einem dem Tagesspiegel vorliegenden Brief an Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD). Wallachs Vater Gustav, ein preußischer Regierungsbeamter, der zum Christentum konvertierte, entstammte einer jüdischen Familie. Niedner selbst ist Urgroßneffe des Chemienobelpreisträgers, der kinderlos blieb: Otto Wallachs Schwester Clara war Niedners Urgroßmutter.

Bei der Stadt stößt der Vorschlag von Niedner auf offene Ohren: „Wir haben das gerne aufgenommen“, sagte Stadtsprecher Markus Klier. Geplant sei, Otto Wallach in der neuen Dauerausstellung zur Stadtgeschichte, die 2013 im Potsdam-Museum im Alten Rathaus eröffnen soll, vorzustellen.

Seine Jahre in Potsdam hat Otto Wallach in seinen Lebenserinnerungen „als eine der besten Zeiten des Lebens“ charakterisiert – trotz der Schwierigkeiten in der Schule, wo er krankheitsbedingt zudem oft fehlte. Geboren wurde Wallach als jüngstes von fünf Kindern 1847 noch im ostpreußischen Königsberg, erst 1853 zog die Familie nach Potsdam. Hier wohnten die Wallachs in einem Haus vor dem Nauener Tor mit großem Garten und Hühnerhof, wie sich der Chemiker in seiner Autobiografie erinnert.

Zu den guten Potsdam-Erinnerungen gehören auch die sommerlichen Turnstunden im Wald des Brauhausberges: „Schon der weite Gang war eine Erholung.“ Das Interesse der Jungen galt dabei auch einem besonderen Gast im Stadtschloss: dem Naturforscher und Weltreisenden Alexander von Humboldt. „Da konnte die vorbeiziehende Jugend gelegentlich einen Gruß des berühmten Mannes erhaschen, wenn wir ihm die Mützen zuschwenkten.“ Auch an das Schwimmen in der Havel-Badeanstalt gegenüber des Babelsberger Parks erinnert sich Wallach, an Ruder- und Segeltouren auf den Havelseen, an Spaziergänge durch den Park Sanssouci oder an „den Zauber eines Blicks von den Höhen des Pfingstbergs, wenn im Frühjahr ein weißes Blütenmeer ihn umgab “ – und an das Schlittschuhlaufen auf dem Heiligen See und dem Jungfernsee, „wenn am sinkenden Tag die von Rauhreif überzogenen Uferbäume herüberschimmerten“.

Auch das Interesse für die Chemie – damals noch kein Schulfach – entwickelte Wallach während seiner Zeit in Potsdam, wie er schreibt: Ein älterer Freund, der sich als Autodidakt mit der Chemie befasste, gab demnach den Anstoß für die ersten Experimente, für die auch die Spirituslampe des kostbaren elterlichen Teeservices herhalten musste. Nach dem Abitur ging Wallach 1867 zum Studium nach Göttingen – zum Ärger seines Vaters. Mit Chemie könne man „ja nicht einmal einen Orden bekommen“, zitiert Wallach seinen Vater. Er sollte nicht recht behalten. Gut 40 Jahre später, im November 1910, fand Otto Wallach bei der Heimfahrt von einer Englandreise in der Abendzeitung „die mir unglaubliche Notiz, dass mir der Nobelpreis für 1910 verliehen sei. Zu Haus empfing mich das bestätigende Telegramm aus Stockholm.“ Wallach arbeitete noch bis 1927. Er starb 1931 in Göttingen. Dort liegt er auch begraben. Jana Haase

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