Berlin : Den Grunewald im Wohnzimmer

Zwei Berliner stellen Designermöbel aus heimischen Bäumen her Die Auswahl an Holzsorten ist riesig – Friedrich dem Großen sei Dank

Sebastian Leber

Wie sie an ihr Holz kommen, verrät Jörn Neubauer nicht. Strenges Betriebsgeheimnis, sagt er, sonst würden noch andere Firmen auf die Idee kommen. Nur so viel: „Wir schleichen uns nicht mit der Säge Unter den Linden lang.“

„Sawadee Holzdesign“ heißt das Mini-Unternehmen von Jörn Neubauer, 30 und seinem Kollegen Christian Friedrich, 44. Eigentlich sind sie Künstler, spezialisiert auf größere Holzskulpturen. Aber ihr Geld verdienen sie, indem sie massive Hölzer zu Möbelstücken verarbeiten. Und zwar ausschließlich solche von Berliner Stadtbäumen. „Ich glaube fest daran, dass jeder einzelne Baum ein exzellentes Material darstellt“, sagt Friedrich. Gerade dann, wenn es vom Wind verbogen, von Insektenlarven angefressen oder von Bodengiften leicht verfärbt wurde. Das sei ein Zeichen für gelebtes Leben. In dem großen Sideboard aus einer Robinie etwa, das die beiden im Laden „Designbogen“ in der Charlottenburger Uhlandstraße ausstellen, steckt ein daumendicker Granatsplitter aus dem Zweiten Weltkrieg. So erklären Neubauer und Friedrich auch, warum ihre Möbel vergleichsweise teuer sind: In Stadtbäumen stecken häufig Metallstücke, meistens Nägel, an denen früher Schilder hingen. Das Metall könnte die Maschinen eines Sägewerks beschädigen, also müssen Neubauer und Friedrich in ihrer Werkstatt in der Landsberger Allee mit der Kettensäge ran. Zehn PS hat die und ein anderthalb Meter langes Schwert. Das dauert.

Eine massive Holzschale aus Ulme kostet deswegen 400 Euro, der Nachttisch aus Eschen-Ahorn 900, das Robinien-Sideboard mit Granatsplitter 2900. Wenn sie wollten, könnten Neubauer und Friedrich für jede Arbeit eine andere Holzsorte verwenden: Die Auswahl ist in Berlin riesig, Friedrich dem Großen sei Dank. Der ließ im 18. Jahrhundert Baumarten aus aller Welt importieren und im gesamten Stadtgebiet einpflanzen: Platanengewächse aus Asien, Ebereschen aus Osteuropa, Robinien aus Afrika. Der Preußenkönig hatte einen kleinen Baumtick, sagt Neubauer, er selbst natürlich auch. Friedrich der Große habe sogar für viel Geld ganze Gruppen von Wissenschaftlern beschäftigt, die sich um die Kreuzung und Veredelung bekannter Baumarten kümmern sollten.

Etwa einen Monat dauert es, bis „Sawadee Holzdesign“ ein bestelltes Möbelstück ausliefern kann. Wer vorher wissen möchte, wie das Ergebnis aussehen wird, kann sich von den beiden die Adressen von diversen Berliner Diskotheken wie dem Sage-Club in der Köpenicker Straße geben lassen. Deren Tresen haben sie gebaut. Da niemals mehrere Holzstücke aneinandergeleimt werden, sondern jedes Möbelstück aus einem einzigen Stamm hergestellt wird, sind der Größe Grenzen gesetzt. Eine Tischplatte hat normalerweise einen Durchmesser von 90 Zentimetern – nur im Ausnahmefall mehr als 1,50 Meter.

Manchmal kommen Kunden vorbei, die sich nicht von ihrem kranken oder abgestorbenen Baum im Garten trennen wollen. Die Verarbeitung zum Möbelstück macht den Verlust erträglicher. Bei Christian Friedrich ist es anders herum: Er hat es auf den alten Pflaumenbaum im Garten seiner Mutter abgesehen. Und wartet ungeduldig, dass der endlich keine Früchte mehr trägt und abgeholzt werden kann, ohne einen Krach in der Familie zu riskieren. „2008 ist der Baum fällig“, glaubt Friedrich. Aus dem Holz wolle er aber kein Möbelstück machen, sondern eine Skulptur.

Mehr Informationen gibt es telefonisch unter der Nummer 97 88 23 12 oder im Internet unter www.sawadeedesign.de

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