Berlin : Den Hauch des Himmels spüren durch die Kinder

Das Wunder der Geburt – warum junge Familien alte Gemeinden wieder beleben. Von Pfarrer Christian Zeiske.

„Weihnachten – da soll doch irgendein Hase geboren worden sein“ – eine Antwort bei einer der beliebten Umfragen nach dem Ursprung des Weihnachtsfestes, bei der man sich als Leser so richtig erhaben fühlen kann, weil man es natürlich besser weiß und so genüsslich entsetzt sein kann.

Dabei gibt es zu Weihnachten für Hochnäsigkeit keinen Platz. Wir können den Sinn von Weihnachten nicht in Worte fassen, den müssen wir schon erspüren – oder, wie wir Christen es ausdrücken: „im Glauben erfahren“.

Zu Weihnachten erzählen wir uns die alte Geschichte von der Geburt eines Kindes. Sie geschah übrigens nicht idyllisch in einem Stall im winterlich verschneiten Gebirge unter den Augen von verträumt dreinblickenden Ochs’ und Esel. Der Evangelist Lukas erzählt vielmehr die Geschichte eines jungen Paares, das wegen einer Volkszählung, die damals immer der Steuererhebung und der Rekrutierung des Militärs diente, sich auf den Weg (möglicherweise sogar auf die Flucht) machen musste. Die junge Familie musste dann nach seiner Erzählung mit irgendeiner Ecke in einer Karawanserei vorliebnehmen. „Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge …“, da dachte wohl Lukas an einen überfüllten Hof mit Geschrei, Dreck, Gestank, Gepäck und Tieren. Das Neugeborene fand noch Platz in einem Futtertrog. Welche Hoffnung soll da ein Kind haben, das unter solchen Bedingungen geboren wird?

Kinderwagen, schwangere Frauen und kleine Kinder an der Hand Erwachsener prägen heute das Straßenbild in Prenzlauer Berg. Dass hier neuerdings viele junge Familien leben, ist mittlerweile über die Grenzen Berlins hinaus bekannt. Weniger bekannt ist, dass diese Familien sich mehr und mehr in den Kirchen zu Gottesdiensten sehen lassen – vielleicht nicht in allen Kirchen gleichermaßen, aber doch dort, wo in einer schönen Kirche Gottesdienst lebendig gefeiert wird.

Sowohl jene, die aus dem ehemaligen Westen kommen und eigentlich „nur so“ zur Kirche gehörten, ohne „fleißige Kirchgänger“ gewesen zu sein, als auch Menschen aus dem ehemaligen Osten, die in kirchenfernen Familien aufwuchsen, haben begonnen, sich der Kirche zuzuwenden. Dafür gibt es sicher viele Gründe. Einer dieser Gründe aber ist bestimmt, dass wir durch Kinder einen Hauch des Himmels spüren.

Wer die Geburt eines Kindes erlebt und beobachten kann, wie sich eine eigene Persönlichkeit nach und nach herausbildet, ein Mensch heranwächst, der kann nicht im Ernst meinen, das alles wäre nur ein bemerkenswerter Zufall der Natur. Ich erlebe häufig bei Taufgesprächen, dass Menschen, die mit Kirche und Glauben wenig anfangen können, hingerissen sind von dem, was sie nicht mehr in Worte fassen können und als Geschenk des Himmels bezeichnen, was wir Christen als „Werk Gottes“ sehen.

Und nun erzählen wir uns zu Weihnachten von so einer Geburt, von einem Hauch des Himmels unter „tierisch“ miserablen Bedingungen. Wenn wir nach dem Sinn von Weihnachten suchen, dann ist da kein Hase geboren, sondern der liegt da allenfalls im Pfeffer: der Hauch des Himmels „ganz unten“. Wer dem nachsinnt, christlich gesprochen‚ es im Glauben erfährt, der kann nicht sagen, sein Name wäre Hase und er wisse von nichts. Der Blick weitet sich und fällt auf Kinder, er fällt auf Menschen, die in Dreck und Lärm leben müssen. Das lässt einen nicht ruhig bleiben, das gibt Energie, Kraft und Fantasie, an diesen Verhältnissen auch etwas zu ändern.

Ich finde es faszinierend, dass alle um einen herum, seien es nun Christen oder nicht, sich von diesem Weihnachtsfest anstecken lassen. Es wird nie zur Routine. Jedes Jahr wieder streift einen ein „Hauch des Himmels“, wie bei allen Geburten – und seien sie noch so zahlreich.

Dass in der Weihnachtsgeschichte der „Hauch des Himmels“ dort weht, wo das Elend und die Hoffnungslosigkeit am größten sind, kann uns alle nur dazu bringen, uns auf die Seite derer zu stellen, die in unserer Gesellschaft und in unserer Welt in die stinkigen Ecken abgedrängt werden und unter schlechten Bedingungen leben müssen. Dort weht der Hauch des Himmels, vor allem dann, wenn wir ihn dort hinbringen. Es wird auf wunderbarste Weise wirklich feierlich, wenn Kinder in eine frohe Zukunft blicken können und Menschen aus den dunklen Ecken herauskommen können. Dann soll doch der Hase bleiben, wo der Pfeffer wächst.

Der Autor ist Pfarrer der evangelischen Gethsemanekirche in Prenzlauer Berg. Die Kirche war in den 80er Jahren und im Herbst 1989 ein Treffpunkt der DDR-Oppositionellen. Heute ist die Gemeinde eine der am schnellsten wachsenden in ganz Berlin.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben