Berlin : Den Helden der Nation

Verteidigungsminister Jung und Bundestagsabgeordnete wollen ein Denkmal für getötete deutsche Soldaten. Ein Pro & Contra

Andrea Dernbach

Bisher hatte es die Bundesrepublik leicht mit dem Gedenken: Die Toten des Weltkriegs wurden halb privatisiert; für sie sorgt, wie schon zu Weimarer Zeiten, der „Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge“. Er pflegt Soldatenfriedhöfe, setzt Gedenktafeln, gestaltet die Zeremonien am Volkstrauertag. Wie er das tut, darüber gab es kaum je öffentliche Debatten. Der eigenen Toten gedachte die Bundeswehr bisher eher dezent und dezentral: die Marine in Laboe an der Ostsee, wo es seit den 20er Jahren ein Marine-Ehrenmal gibt, die Luftwaffe am Ort ihrer Offiziersschule im bayerischen Fürstenfeldbruck und das Heer am Ehrenbreitstein in Koblenz. Zudem gab es kaum Tote in den ersten Jahrzehnten der 1955 gegründeten Bundeswehr – jedenfalls nicht im Krieg.

Das hat sich geändert, seit die Bundeswehr in den 90er Jahren begann, außerhalb des Nato-Gebiets zu operieren: 65 Soldaten sind seit 1990 in Auslandseinsätzen ums Leben gekommen, 39 von ihnen durch „Fremdeinwirkung“, also durch feindliche Kämpfer. Nun soll sie auch die Hauptstadt ehren. Im Sommer präsentierte Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) seinen Plan für ein „zentrales, öffentlich zugängliches Ehrenmal der Bundeswehr“. Als Vorbilder nannte Jung Gedenkstätten wie den Invalidendom in Paris und Italiens monumentalen „Altar des Vaterlands“. Anderswo, so Jung, gehöre „das ehrende Gedenken an Soldaten, die für ihren Einsatz mit dem Leben bezahlt haben, zur kulturellen Identität“.

Im Parlament gefiel die Idee. Gut 60 Jahre nach Kriegsende scheint man dort kaum noch Angst vor einer Neuauflage jener Gedenkstätten zu haben, wo bis heute selbst auf entlegensten Dorfplätzen der Tod fürs Vaterland als „süß“ gepriesen und lokale Kriegstote Helden genannt werden. Doch quer durch die Parteien gab es Kritik am praktischen Teil von Jungs Plan. Der Minister möchte sein Ehrenmal nämlich auf eigenem Gelände aufstellen, vor seinem Berliner Dienstsitz im Bendlerblock. Die Opposition, aber auch Parteifreunde wie Jungs Vorgänger Volker Rühe, wünschen sich ein Ehrenmal dicht am Bundestag – die Bundeswehr sei schließlich die Armee des Parlaments. Und mancher vermutet hinter Jungs Standortwahl auch eine Scheu vor öffentlicher Auseinandersetzung – so der Grünen-Verteidigungsexperte Winfried Nachtwei, der ihm vorwarf, von oben anzuordnen, statt das Projekt diskutieren zu lassen. Außerdem, findet der Grüne, dürfe nicht nur toter Soldaten gedacht werden, sondern auch der Polizisten, Entwicklungshelfer und Diplomaten, die in Auslandseinsätzen umkamen.

Aus der Diskussion verschwunden ist dabei eine ältere Gedenkstätte. Die Neue Wache Unter den Linden ist seit 13 Jahren zentraler Gedenkort der Bundesrepublik „für die Opfer des Krieges und der Gewaltherrschaft“. Kein Platz für die Toten der Bundeswehr, findet der Historiker Manfred Hettling, ein Fachmann für Erinnerungskultur: „Wer Soldaten zu aktivem kriegerischem Handeln entsendet, kann an die Gefallenen kaum als ,Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft‘ erinnern.“

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