Berlin : Den Hof gemacht

Die grauen Höfe der Mietskasernen sind immer häufiger passé. Heute sind sie grün, manchmal plätschern Brunnen. Wir haben uns einige angeschaut – und geben jetzt Lesern die Chance, ihr Dorado zu präsentieren.

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Von Annette Kögel

Plötzlich ist das alles vergessen. Der Stau auf der Straße, die Rempeleien auf dem Bürgersteig, die Hektik im Supermarkt. Hinter dicken Mauern verstummt der Stadtlärm. Dafür wird das Plätschern des Brunnens lauter, und man hört die Kieselsteine knirschen. Abends zwitschern Vögel, zirpen Grillen: Hinterhofkonzert mitten in der Stadt.

Dorados wie diese findet man in Berlin vielerorts, sogar nicht allzu weit entfernt vom Potsdamer Platz. An der Potsdamer Straße 98 zum Beispiel, die Höfe der Stadtpalais Berlin GbR Liegenschaftsverwaltung von Jürgen Laesecke. Hier öffnet sich ein Gittertor in eine andere Welt. Seerosen im künstlichen Teich, Putten und Plastiken. Nur die Reifenspuren auf dem Pflaster verraten, dass hier ein Weg zur Tiefgarage führt. Ärzte und Unternehmer residieren hier, ist auf den güldenen Klingelbrettern abzulesen, und das Ambiente kommt auch bei Filmproduktionen an. Das Team von „Wolffs Revier“ hat hier kürzlich gedreht, steht auf einem Zettel.

Hofidyll –mit mediterranen Blumenkübeln, mit südländischer Grillecke, mit Buddelkästen, in denen kein Hund seine Hinterlassenschaft ablegt. Die Bezirke und die Stadtentwicklungsverwaltung haben Anlagen schon bei Wettbewerben preisgekrönt.

Das war aber einmal ganz anders, als um die vorvergangene Jahrhundertwende alles zugebaut wurde, was an Platz in der Stadt vorhanden war, und die Menschen es sich einrichten mussten im Dunkel und in der Enge des ersten, des zweiten, des dritten oder gar des vierten Hinterhofes. 1880 hatte jeder Erwachsene Anspruch auf drei Quadratmeter Fußboden und zehn Kubikmeter Luft, so war das damals in der Berliner Polizeiverordnung festgelegt. Für Kinder genügte ein Drittel. Auch die Hofgröße war festgeschrieben: 17 Fuß im Quadrat. Das musste reichen, genug Platz, um im Notfall die Feuerwehrspritze einmal um sich selbst zu drehen. Zille sein Milieu, Zille sein Motiv.

Heute sind Hinterhöfe aus anderen Gründen sehenswert. Sie sind gemeinsam mit freien Trägern oder Initiativen wie „Grün macht Schule“ renaturiert, von Hausgemeinschaften herausgeputzt oder in Eigeninitiative der Hausbesitzer oder Verwaltungen saniert. Oder dienen als Ort für Kunst, wie in der Auguststraße 69 in Mitte. Filmreif ist etwa der „Brunnenhof“ in der Fasanenstraße 13 in Charlottenburg. Der burgartige Bau ist Bernhard Sehring, Baumeister, Filou und Selbstdarsteller zu verdanken. Ernst Barlach, Käthe Kruse, Max Reinhardt und Alfred Kerr lebten schon hier.

In der Auguststraße 10 geht es rustikal zu, hier haben sich die Leute ein Piratenschiff aus Stoff und Bambus gebaut. Eine Abenteuerkulisse, hinter der sich die Mülltonnen verbergen. Auch an der Johanniterstraße in Kreuzberg hat es sich eine Mietergemeinschaft mit Unterstützung der Hauswartsfrau richtig schön gemacht – wo genau, wird aber zum Schutz des Biotops nicht verraten.

Wollen Sie, dass wir uns auch Ihren Hof genauer ansehen? Kurzbeschreibung und Bild bitte schicken an: Der Tagesspiegel, Lokalredaktion, „Den Hof gemacht“, 10876 Berlin.

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