Berlin : Den Kiez nicht aufgeben

Wie Sozialarbeiter in Neukölln ihren Kiez und eine gewaltbereite Gruppe in den Griff bekamen

Tanja Buntrock

Ihr Kürzel „NGB 44“ sprühen sie an Hauswände und auf die Bänke rund um den Richardplatz in Neukölln: Es steht für „Neuköllner Ghetto Boys 44“.

Zu dieser Gang gehören rund 20 arabisch-stämmige Jugendliche, sie sind zwischen 12 und 14 Jahre alt. Vor einigen Wochen lieferten sie sich eine Messerstecherei mit älteren Jugendlichen aus dem Kiez. „Sie wollten austesten, wer der Stärkere ist im Kiez“, sagt Jana K.

Die 25-Jährige hat die Neuköllner Jugendbande „NGB 44“ im vergangenen Sommer ein halbes Jahr begleitet und darüber ihre Diplomarbeit geschrieben. Nun arbeitet sie ehrenamtlich für das Sozialprojekt „Outreach“ im Richard-Kiez und kümmert sich im Stadtteilladen, einer Freizeiteinrichtung, um Jugendliche.

Neukölln und Kreuzberg sind Schwerpunkte für brutale Raubzüge. Laut einem internen LKA-Bericht, der dem Tagesspiegel vorliegt, wird ein Großteil dieser Taten von Jugendbanden begangen, die in diesen beiden Bezirken aktiv sind.

Doch die Gang „NGB 44“ taucht nicht auf der LKA-Liste auf. Warum? Dazu will sich die Polizei nicht äußern. Die Sozialarbeiterin Jana K. hat folgende These: „Sie sind keine typischen Kriminellen, die andere Kiezbewohner berauben.“ Wenn es Streitigkeiten gäbe, „dann meistens unter den Jugendcliquen, so wie neulich bei der Messerstecherei“, erzählt die Sozialarbeiterin. Es gehe dabei um „Macht und Anerkennung“ im Kiez. Manchmal seien banale Anlässe, wie Beleidigungen, der Auslöser für solche Eskalationen.

Seit Jahren versuchen die Streetworker der Organisationen „Outreach“ und „Gangway“ in Neukölln und Kreuzberg mit ihrer Arbeit der Jugendkriminalität entgegenzuwirken. Das Wichtigste sei, „die Cliquen von der Straße zu holen“, sagt Jana K. Im Stadtteilladen können sie am Computer ins Internet, ihre Bilder bearbeiten, Fernsehen schauen oder Kraftsport machen. „Man muss erst einmal den persönlichen Kontakt aufbauen, um ihnen helfen zu können“, sagt sie.

Auf ähnliche Weise nähern sich auch die Streetworker von „Gangway“ den Jugendlichen. „Wir machen Rundgänge im Kiez und sprechen sie an ihren Treffpunkten direkt an, um erst einmal Vertrauen zu schaffen“, sagt Sozialarbeiter Cengiz Tanriverdio von „Gangway“. Bis vor einiger Zeit hat die Bande, die sich „Richard 44“ (R 44) nennt und in der Auflistung des LKA-Berichts verzeichnet ist, den Kiez unsicher gemacht. Höhepunkt war eine Massenschlägerei vor drei Jahren zwischen dieser Bande und anderen Jugendlichen, bei der ein Autofahrer durch einen Messerstich verletzt wurde. „Daraufhin sind wir hinzugekommen und haben uns regelmäßig mit den Jungs getroffen“, sagt Tanriverdio. Eine Vertrauensbasis zu schaffen, brauche viel Zeit. Doch die Streetworker seien später mit den Jugendlichen zum Grillen ins Grüne gefahren, hätten mit ihnen Fußball gespielt und sie unterstützt, bei Hip-Hop-Wettbewerben mitzumachen.

Seitdem ist es ruhig geworden um die „R44“-Gang, bestätigen Anwohner und die Betreiberin eines Restaurants an der Karl-Marx-Straße. „Früher sind unsere Gäste ständig von diesen Jugendlichen belästigt worden. Bei uns flogen Steine gegen die Eingangstür“, erzählt die Wirtin. Dies ist nun vorbei.

Einige der Jugendlichen seien für ihre Straftaten ins Gefängnis gekommen, sagt der Sozialarbeiter. „Das hat vielleicht auf die anderen abschreckend gewirkt.“ Andere hätten nun einen Ausbildungsplatz. „Sie sind einfach älter geworden und haben dazugelernt. Mit der Clique herumhängen wird irgendwann uninteressant“, sagt er.

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