Berlin : Den Linksextremisten gehen die Truppen aus

Gewaltbereite Autonome können die Szene nicht mehr mobilisieren. Polizei setzt weniger Beamte ein und hofft auf ein friedliches Fest

Jörn Hasselmann

Mit der traditionellen 1.-Mai-Demonstration gibt sich der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) in diesem Jahr nicht zufrieden. Neben dem klassischen Fußmarsch gibt es einen Umzug für Skater, einen für Radler, einen für Motorradfahrer und einen für Läufer. Alle starten gegen 10 Uhr am DGB-Haus nahe dem Wittenbergplatz und enden gegen 11 Uhr am Brandenburger Tor – nur die Routen sind unterschiedlich. Während die Hauptroute den direkten Weg nimmt (siehe linke Grafik), führen die Spaß-Korsos auf zwei, vier oder acht Rädern jeweils durch mehrere Bezirke. Am Brandenburger Tor ist nach der Mai-Rede von Verdi-Chef Frank Bsirske bis 18 Uhr ein Familienfest geplant.

Auch wenn die DGB-Demo mit den von den Veranstaltern erhofften 20 000 Teilnehmern die größte ist, die Blicke der Polizeiführung richten sich vor allem auf Kreuzberg. Dort sind in diesem Jahr zwei linke Demos angemeldet, die Autonomen wollen um 18 Uhr zudem zu einer nicht angemeldeten, „spontanen“ Demo am Oranienplatz starten. Den Anfang macht wie in jedem Jahr gegen 13 Uhr am Oranienplatz die traditionelle „Revolutionäre 1.-Mai-Demo“, organisiert von einem bunten Bündnis linksradikaler, teilweise maoistischer Splittergruppen – in diesem Jahr zum 19. Mal. Diese Demo nach Neukölln und zurück (siehe rechte Grafik) ist ebenso traditionell wie ungefährlich. Deshalb darf sie inmitten des vom Bezirksamt veranstalteten „Myfest“ am Oranienplatz starten.

Danach gehört Kreuzberg 36 – wie in den beiden Vorjahren – den Anwohnern. Das von der Polizei unterstützte Bürgerfest soll allen Gewaltbereiten den Platz und den Spaß nehmen (siehe unten). Die „Mayday“-Demo nach Hamburger und internationalem Vorbild muss um 16 Uhr außerhalb des Festes starten. Auch zu dieser Demo rufen mehrere Gruppen auf, vom SPD-nahen Jugendverband „Falken“ bis zur radikalen „Anti-Nato-Gruppe“, die früher eigene, teilweise gewalttätige Demos organisiert hat. Die im Internet angekündigte „Spontandemo“ um 18 Uhr auf dem Oranienplatz will die Polizei mit einem speziellen Eingreifkommando verhindern – keinesfalls will man die Autonomen durch das Fest laufen lassen, gegen das sie mit ihrer unangemeldeten Demo protestieren wollen. Bislang ist die Resonanz jedoch gering, die gewaltbereite Linke hat kein Konzept mehr, hieß es im Polizeipräsidium.

2005 konnte die Polizei den 1. Mai als „friedlichsten seit 20 Jahren“ feiern, daran will man anknüpfen. Gut 5500 Polizisten sind im Einsatz, weniger als im Vorjahr. Am 1. Mai gilt im Myfest-Gebiet absolutes Halteverbot, Autos werden ab 6 Uhr morgens abgeschleppt.

Ein absolutes Halteverbot gibt es auch am Abend zuvor am Boxhagener Platz in Friedrichshain. Dort feiert die Anti-Nato-Gruppe die „Walpurgisnacht“. Anders als am 1. Mai in Kreuzberg wird die Polizei dieses „Fest“ massiv bewachen, vor einem Jahr hatten die Teilnehmer gegen 23 Uhr Ausschreitungen angezettelt. Wie im Vorjahr gilt am Boxhagener Platz wieder Flaschen- und Dosenverbot – Randalierern sollen so die Wurfgeschosse genommen werden.

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