Berlin : Den Möbeln Beine machen

Tüchtige Helfer bewahren Brauchbares vor dem Sperrmüll – und brauchen ein Auto

Uta Falck

Fürstenwalde - Von weitem sieht man ihm seine zwölf Jahre nicht mehr an, seit er im vergangenen Sommer neu lackiert wurde. Doch vom Türrahmen lösen sich die Gummidichtungen, die Hecktür klemmt und die Stoßstange hält nur dank mehrerer zusätzlicher Schrauben. Es geht zu Ende mit dem Transporter.

180 000 Kilometer ist er bereits gefahren, vielleicht auch mehr, denn der Kilometerzähler funktioniert ebenfalls nicht mehr so richtig. Schon lange wünschen sich die Mitarbeiter des Gebrauchtmöbellagers für Bedürftige in Fürstenwalde ein jüngeres Fahrzeug. Doch die Gebewo (Gemeinnützige Gesellschaft zur Betreuung Wohnungsloser und sozial Schwacher) als Träger hat dafür kein Geld.

So fährt die Sorge immer mit, wenn sie im Kreis Oder-Spree unterwegs sind, um gebrauchte Möbel zu holen oder zu liefern. „Die Besten bekommen wir aus Bad Saarow“, sagt Johannes Raschke, der bei dem sozialen Projekt seinen Zivildienst leistet. Mit Hilfe von Ein-Euro-Jobbern und „Arbeit statt Strafe“-Verurteilten bauen sie die abgeholten Stücke in einer ungeheizten Halle auf. Wo früher Baustoffe gelagert wurden, stehen nun Sessel, Sofas, Kühlschränke, Herde und Schrankwände. Auf jedem Möbel klebt ein Preisschild: 25 Euro kostet etwa ein Zweisitzer inklusive Lieferung – für Rentner, Studenten und Arbeitslosengeld-II-Empfänger gibt es 25 Prozent Rabatt.

Uli Soland ist zufrieden mit seinem Ein-Euro-Job im Möbellager, dessen Bezahlung offiziell Mehraufwandsentschädigung heißt. „Ich habe keine Lust, zu Hause zu sitzen“, sagt der 53-Jährige. Die tägliche Belastung halte ihn fit, und vielleicht benötige ja mal jemand einen gelernten Dreher. Manchmal helfen auch Bewohner des Obdachlosenwohnheims „Luise“ im Möbellager. Die psychisch labilen Menschen sollen hier lernen, ihren Tag zu strukturieren und regelmäßig zu arbeiten. „Sie geben sich viel Mühe“, sagt Soland über die „Luisianer“.

Der Ein-Euro-Jobber reinigt und repariert die gut erhaltenen Stücke. Was nach einem Jahr keinen Abnehmer gefunden hat, wandert auf den Sperrmüll. Doch vorher schraubt Uli Soland noch Bänder, Scharniere, Griffe, Knöpfe und Holzstifte ab und verstaut sie in diversen Kisten.

Es ist zwar ein Möbelhaus für arme Menschen, doch die Kunden müssen deswegen nicht auf Service verzichten: Wenn dienstags die Ämter länger öffnen, schließt das Möbellager entsprechend später. Johannes Raschke rät schon mal von einer alten DDR-Tiefkühltruhe ab, weil sie viel Strom frisst und äußert über Schrankwände: „Zur Zeit sind eher matte Oberflächen gefragt.“ Auf Anregung des Zivildienstleistenden stehen die Sofas auch nicht mehr in einer Reihe, sondern einladend Rücken an Rücken. Manche Stammkunden des Möbellagers erkundigen sich jede Woche nach Neuzugängen. Ältere Leute freuen sich, weil sie hier noch originale DDR-Möbel bekommen. Vom Verkauf der Stücke finanziert die Gebewo den Unterhalt des Lieferwagens, die Hallenmiete und einen kleinen Teil der Personalkosten. Nur für ein neues Auto reicht es nicht.

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