Berlin : Den Opfern fehlt Geld

Bundespräsident Rau besucht Stasi-Gedenkstätte Genslerstraße

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Von Steffi Bey

Hohenschönhausen. Die Finanzprobleme der Gedenkstätte Hohenschönhausen könne er nicht lösen, sagte Bundespräsident Johannes Rau gestern nach seinem Rundgang durch die ehemalige Stasi-Haftanstalt. Aber er wolle mit seinem Besuch dazu beitragen, dass die Zeitgeschichte weiterhin aufgearbeitet und zur Kenntnis genommen werde. „Ich will den Opfern Mut machen und ihnen verdeutlichen, dass ihre schlimmen Erlebnisse nicht vergessen werden dürfen, sondern vor allem der jungen Generation nahe gebracht werden müssen“, so Johannes Rau. Das Staatsoberhaupt zeigte sich beeindruckt von der Arbeit der Gedenkstätten-Stiftung und davon, dass ehemalige Häftlinge als Zeitzeugen durch den verwinkelten Bau an der Genslerstraße führen.

Rau nahm auf eigenen Wunsch den ehemaligen Stasi-Knast in Augenschein. Er wurde vom Leiter der Einrichtung, Hubertus Knabe, und einigen ehemaligen Häftlingen durch das sogenannte U-Boot-Kellergefängnis sowie durch den Zellen- und Vernehmertrakt geführt. Hans-Eberhard Zahn berichtete von Repressalien und seiner ganz eigenen Strategie, den Gefängnisaufenthalt zu überstehen. Nach Auffassung der DDR-Oberen hatte der Diplom-Psychologe unter anderem mehrere staatsfeindliche Artikel veröffentlicht und wurde deshalb eingesperrt. „Um nicht verrückt zu werden zitierte ich tagelang Gedichte und legte mir gegenüber den Wächtern eine besondere Arroganz zu“, sagte Hans-Eberhard Zahn.

Das erzählt er auch während seiner „normalen“ Führungen. Als Mitglied des Stiftungsbeirates forderte er gestern mehr Aufmerksamkeit für die gesamte Problematik. Zahn kritisierte, dass die Medien „den Tätern oft mehr Platz einräumen als den Opfern“. Für den ehemaligen Häftling sei allerdings der Besuch von Johannes Rau eine moralische Anerkennung, sagte der 74-Jährige. Auch Alfred Jank forderte von den Politikern mehr Unterstützung, besonders finanzieller Art, für Stasi-Opfer.

Konkrete Zusagen waren Johannes Rau nicht zu entlocken. Aber er wolle das „Finanzproblem“ bei Gelegenheit ins Gespräch bringen“, erklärte er noch kurz. Wann und wo ließ er allerdings offen. Der Stasi-Gedenkstätte an der Genslerstraße wird ihr eigener Erfolg zum Verhängnis: Weil die Besucherzahlen ständig steigen, müssen auch mehr Führungen angeboten werden. Doch das Geld für die Bezahlung der etwa 30 Honorarkräfte - die meisten sind Zeitzeugen und waren einst im Stasi-Knast inhaftiert - reicht nicht mehr aus. „Uns fehlen im laufenden Jahr rund 100 000 Euro Honorarmittel“, sagt Direktor Hubertus Knabe. Seit Jahren bleiben die Zuwendungen für die Stiftung, die je zur Hälfte vom Bund und Land getragen werden, konstant und betragen insgesamt eine Million Euro. Der Betrieb der Gedenkstätte sei gefährdet, betont Knabe. Man habe sogar schon Besucher wegschicken müssen.

Kamen 1999 noch rund 41 500 Interessierte in die ehemalige Stasi-Untersuchungshaftanstalt nach Hohenschönhausen, waren es 2001 mehr als doppelt so viele. Knabe rechnet für dieses Jahr mit rund 115 000 Gästen. Doch der bauliche Zustand der original erhaltenen Anlage an der Genslerstraße ist schlecht. In den Fluren und Zellen blättert Farbe ab und elektrische Leitungen funktionieren teilweise seit Jahren nicht mehr. Aber auch für die weitere Sanierung fehlen rund 15 Millionen Euro, sagt Knabe. Auch für die seit längerem geplante Dauerausstellung sind nicht genügend Mittel vorhanden. Und die Forschungstätigkeit liege praktisch bei Null. Für das Problem gibt es, so Knabe, nur zwei Lösungen: Entweder übernehme der Bund die Einrichtung oder das Land müsse mehr Geld zur Verfügung stellen.

Forderungen der Gedenkstätte an den Bund und das Land Berlin nach mehr Geld, wurden bislang allerdings nicht erfüllt. Auch deshalb waren so viele Hoffnungen mit dem gestrigen Besuch des Bundespräsidenten in Hohenschönhausen verbunden.

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