Berlin : Den richtigen Riecher

Zwei Hunde können CDs und DVDs erschnüffeln. Sie sollen jetzt helfen, illegale Kopien zu entdecken

Cay Dobberke

„Lucky“ und „Flo“, die beiden viereinhalbjährigen Labradorhunde, schnüffeln an Koffern vor der Ladeluke eines Reisebusses am Potsdamer Platz. Vor zwei Koffern halten sie plötzlich inne, versteifen sich und blicken ihren Trainer an. Bellen ist unnötig. Hundeausbilder Neil Powell aus Großbritannien öffnet die Koffer – und Dutzende CDs und DVDs purzeln auf den Gehweg am Cinemaxx-Kino. Lucky und Flo haben Filme und Musikalben entdeckt. Als weltweit erste Hunde sind sie darauf abgerichtet, die kleinen Scheiben zu erriechen. Film- und Musikindustrie erhoffen sich nun dank der besonderen Fähigkeiten der beiden Vierbeiner, mehr sogenannten Raubkopierern auf die Schliche zu kommen.

Legale und illegale Datenträger können die Labradore zwar nicht unterscheiden. Sie erschnüffeln aber Kunststoffe (Polycarbonate) und andere Chemikalien, die zur Herstellung von CDs und DVDs verwendet werden. Das macht die Hunde sehr nützlich, weil sie Fahnder zu Verstecken führen können. In Malaysia führte ihr Einsatz zur Entdeckung von fast zwei Millionen illegaler Kopien und zu 26 Festnahmen – Fälscherbanden sollen danach ein Kopfgeld auf die Hunde ausgesetzt haben.

Anfang November nahmen Lucky und Flo an Razzien auf tschechischen Grenzmärkten teil, dort wurden zwei Händler festgenommen und rund 18 000 Datenträger in verriegelten Lagern, Auto-Kofferräumen und weiteren Verstecken beschlagnahmt. Ein Großteil der Film-DVDs hatte deutsche Cover, da deutsche Touristen oft zum billigen Einkaufen nach Tschechien reisen und dabei auch Raubkopien erwerben.

Beim gestrigen Auftritt der Hunde in Berlin wurde niemand zur Rechenschaft gezogen – hinter der Schnüffel-Show steckte die Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen (GVU). Der im Auftrag der deutschen Film- und Musikindustrie tätige Verein hofft, dass staatliche Stellen weitere vierbeinige Ermittler ausbilden lassen. Für die GVU wäre dies zu teuer, sagte der Vorstandsvorsitzende Christian Sommer; das Training dauere Monate und koste etwa 15 000 Euro. Für die Razzien in Tschechien, an denen die GVU beteiligt war, hatten sich dortige Zollfahnder die Tiere nur ausgeliehen. Sommer sieht in den Hunden auch „Sympathieträger“, die dazu beitragen könnten, dass Käufer von Raubkopien ein schlechtes Gewissen bekommen.

Eigentlich stammen die Labradore aus Irland. Dort bildet Neil Powell in der Organisation „Narcodogs“ Drogen- und Sprengstoffspürhunde aus. Das Raubkopien-Training war ein Auftrag der amerikanischen und britischen Filmindustrie. Die Koffer in Berlin waren prall gefüllt mit Silberscheiben, aber Powell versicherte, dass die Hunde sogar einzelne Datenträger riechen könnten – selbst wenn diese eingeschweißt seien.

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