Berlin : Den Stoß vor die U-Bahn knapp vereitelt

Betrunkener Jugendlicher griff wartende Fahrgäste der Linie 6 in Alt-Tegel an – Fall erinnert an die erschreckende Tat am Zwickauer Damm

Jörn Hasselmann

Das grausige Verbrechen vor wenigen Tagen im U-Bahnhof Zwickauer Damm schreckte den 18-Jährigen nicht. Vielleicht hat es ihn sogar animiert. Stark betrunken griff der Jugendliche am Donnerstagabend gegen 23 Uhr mehrere wartende Fahrgäste im U-Bahnhof Alt-Tegel an. Einen etwa 40 Jahre alten Mann schlug er zu Boden. Als ein anderer Mann helfen wollte, rastete der Täter erst richtig aus. Er packte den mutigen Helfer an der Jacke und schleuderte ihn in Richtung Gleis. „Es war ein gezielter Versuch, ihn auf die Schienen zu stoßen“, sagte eine Ermittlerin der Direktion 1. Erst nach einiger Rangelei gelang es, den wie besessen um sich Schlagenden zu überwältigen. Zum Glück fahren die Züge in dieser Endstation sehr langsam aus der Kehranlage auf das Gleis Richtung Marienfelde – wenn einer der Angegriffenen auf die Gleise gefallen wäre, hätte der Fahrer dies wohl rechtzeitig gesehen. Der junge Mann wurde gestern einem Haftrichter vorgeführt. Vorwurf: gefährliche Körperverletzung. Bei der Vernehmung behauptete er, er sei so betrunken gewesen, dass er sich an nichts erinnern könne. Ein Ergebnis der Blutprobe liegt noch nicht vor.

Viele Details erinnern erschreckend an die Tat von Waldemar O. Der Deutsch-Kasache hatte am Montagabend einen 22-Jährigen im Bahnhof Zwickauer Damm vor einen Zug gestoßen und dabei lebensgefährlich verletzt. Dem Opfer wurden beide Unterschenkel amputiert. Gegen den Spätaussiedler wird wegen versuchten Mordes ermittelt. Wie Waldemar O. war der 18-Jährige in Alt-Tegel stark betrunken, und wie Waldemar O. ist der 18-Jährige aus Waidmannslust polizeibekannt: wegen Diebstahls, Sachbeschädigung und gefährlicher Körperverletzung. Nach Einschätzung der Ermittler hat auch dieser Täter keine psychischen Probleme. Auch er hatte am Tattag Stunden lang im Bahnhof Alkohol getrunken. Wie Waldemar O. suchte sich der Azubi seine Opfer auf dem Bahnsteig und griff sie ohne Vorwarnung an.

Bei der BVG ist der Alkoholkonsum in den Bahnhöfen nicht verboten, lediglich das grundlose „Verweilen“. Bahnhofskioske werben mit „Gekühlten Getränken“ – darunter Schnaps und Bier. „Die Kioske sind gehalten, nicht an Trinker zu verkaufen“, hieß es bei der BVG. Der Azubi trank am Montag im Bahnhof so viel, dass er am frühen Abend im Zwischengeschoss der Station mit einer Flasche zu Boden stürzte und vom BVG-Personal inmitten von Scherben in einer Bierlache gefunden wurde. Doch er rappelte sich wieder auf, torkelte auf den Bahnsteig und fing dort an zu stänkern. Zunächst rempelte er einen etwa 60 Jahre alten Mann an, der dort mit einem Freund auf den Zug wartete. Dann nahm er sich den etwa 40-Jährigen vor, der dort mit zwei Frauen wartete. Als der Mann auf dem Boden lag, griff einer der Umstehenden ein – ein Feuerwehrmann. Ihm gelang es, den Tobenden festzuhalten. Ein BVG-Angestellter hatte die Polizei gerufen. „Sonst hatte keiner dort Zivilcourage“, sagte eine Ermittlerin. Die Kripo bittet jetzt die Angegriffenen, sich zu melden (Telefon: 4664 40615). Der etwa 60 Jahre alte grauhaarige Mann und der etwa 40-Jährige waren in den Zug gestiegen, als sich die Situation beruhigt hatte. Wie der Täter waren alle Opfer Deutsche.

Die BVG empfiehlt wartenden Fahrgästen einen ausreichenden Abstand von der Bahnsteigkante – mindestens einen Meter.

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