Berlin : Den Takt angeben

11.12.2004 00:00 UhrVon Aliki Nassoufis

Bei einem Neuköllner Musikkreis entdecken Schwerbehinderte ihre Stärken. Doch der Verein ist gefährdet

Notenblätter rascheln, Glockenspiele tönen, und die Pauke dröhnt, als sie gestimmt wird. Beim Trommeln fällt schon mal der eine oder andere Schlagstock auf den Boden. Es ist Mittwochnachmittag. Die 15 Mitglieder des Musikkreises spielen Adventsstücke. Gerade ist „In der Weihnachtsbäckerei“ dran. Dass Menschen sich zusammentun und musizieren, ist an sich nicht ungewöhnlich. Aber bei dieser Gruppe, die zur „Elterninitiative behinderter Kinder Neukölln“ gehört, ist es das schon. Denn acht der Musiker sind geistig oder körperlich behindert.

Zum Beispiel die 23-jährige Marina Bamberg. Seit ihrer Geburt hat sie epileptische Anfälle, das Sprechen fällt ihr schwer.

Deswegen konzentriert sie sich auf ihr Instrument. Mit einem Schlagstock schlägt sie auf zwei hölzerne Bassstäbe. „Das macht Spaß“, sagt sie. Denn um die richtigen Töne zu treffen, muss sie keine Noten lesen. Auf dem Blatt vor ihr kleben rote und grüne Punkte. Auf den Stäben auch. Also muss sie nur den Stab mit der richtigen Farbe finden.

Für Monika Neudeck ist auch das schon schwierig. Sie ist Spastikerin und ihre Glieder verkrampfen. Also hilft ihr Vorstandsmitglied Rosemarie Skibinski. Sie hält Neudecks Hand mit dem Schlagstock und führt sie von Stab zu Stab. Schlagen kann Monika Neudeck selbst. Skibinski tippt ihr leicht auf die linke Schulter, wenn es soweit ist. „Toll, toll“, ruft Neudeck.

Die Elterninitiative existiert seit 30 Jahren. „Damals waren Behinderte in der Öffentlichkeit ein Tabu“, sagt Skibinski, deren Sohn Martin Spastiker war und vor einem Jahr verstarb. „Unsere Kinder galten als Zumutung in der Schule“, sagt sie. Ärzte hatten wenig Ahnung. Wir mussten ihnen die Krankheitsbilder noch erklären.“ Daran wollten die Eltern etwas ändern. Sie trafen sich immer wieder zufällig auf Amtsfluren und bei Ärzten und beschlossen im November 1974, eine Initiative zu gründen, um eine größere Öffentlichkeit zu erreichen.

Dass sie gemeinsam stark sind, das haben sie mittlerweile gemerkt. Die 45 Familien mit insgesamt 150 Angehörigen töpfern und backen, sägen und singen zusammen. Alles ehrenamtlich. Nun aber ist ihre Arbeit gefährdet. Denn die Zuschüsse des Bezirksamtes reichen nicht aus. Geld für Ausflüge, Materialien zum Basteln, Wasser und Strom für die Räume – die meisten Mitglieder sind Sozialhilfeempfänger und können sich das nicht leisten. „Unsere Existenz wackelt“, sagt Skibinski. „Aber wir wollen das Zentrum unbedingt erhalten.“

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