Berlin : Den Tiergarten nach historischem Plan wieder herrichten?

Jörn Hasselmann

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Soll kein Tiergarten mehr sein“, hatte der Soldatenkönig 1718 kurzerhand dekretiert. Die Zäune des kurfürstlichen Jagdreviers wurden niedergerissen, die Bevölkerung hereingelassen. Zunächst schuf Knobelsdorff, dann Lenné einen Landschaftspark, um den uns viele Metropolen beneiden. Das, was Lenné seit 1818 plante, ist heute, bald 200 Jahre später, hochmodern: ein Erholungsraum für Großstädter, mit viel Platz zum Picknicken, mit wunderschönen geschwungenen Wegen zum Flanieren (oder Joggen). Die Geschichte der Stadt, Schloss Bellevue, Brandenburger Tor, Großer Stern, sind durch schnurgerade Sichtachsen verbunden. Dann kam der Krieg, der Tiergarten wurde abgeholzt, dann kam der Mauerbau, der Ostrand des Parks verwilderte, Gestrüpp und „Langgraswiesen“ wucherten. Doch der Krieg ist vorbei, die Mauer fiel. Die Ebertstraße zwischen Brandenburger Tor und Potsdamer Platz wandelt sich vom Grenzstreifen zu einer repräsentativen Straße – und gerade dort franst nun der Tiergarten als unattraktive Steppe einfach aus. Wenn jetzt die Lennésche Planung wiederhergestellt wird, toben Gartendenkmalpfleger nicht ihre verstaubten Fantasien aus – sie geben dem Tiergarten seine Kontur zurück. Die Nachkriegs-Langgraswiesen mit Trampelpfaden, die sind staubig.

Bäume abholzen, den Frevel als Verbeugung vor der Historie verkaufen: Das scheint in Mode zu kommen. Am Ententeich im Schöneberger Stadtpark wurden gerade alte Bäume abgeholzt, weil sie das Spiegelbild des U-Bahnhofs im Wasser stören könnten. Ein atemberaubendes Argument. Zwei Weiden sind übrig geblieben, Anwohner wachen darüber, dass die Bäume bleiben. Das sagt viel über das Gespür des Großstädters für gewachsene Natur. Aber die Abholzer in den Behörden legen, davon unbeeindruckt, schon an prominenterem Ort die Axt an, machen uns die Wiederherstellung der Kleinen Querallee im Tiergarten schmackhaft. Weil sie der Große Kurfürst anlegen ließ. Fahren wir noch Kutsche? Sie bereiten eine breite Flanierschneise durch den Tiergarten vor. Locken mit einem Trostpflaster: neuen Bäumchen, womöglich auf den ach so „unansehnlichen“, weil unhistorischen Langgraswiesen. Die erfreuen Parkbesucher seit vielen Jahrzehnten. Sollten hier also Bäumchen gepflanzt werden, findet sich bestimmt in ein paar Jahren ein Grund, sie als hochgewachsene, starke Bäume wieder abzuholzen: Hoffentlich befreien sich die Behörden schon eher von ihrem Historien-Tick, erinnern sich an den Wert von Bäumen und Wiesen in der Großstadt. Der Tiergarten soll zeitgemäß wachsen, nicht zerstückelt werden. Christian van Lessen

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