Berlin : Den Tod des Babys verdrängt

27-Jährige tötete ihr Neugeborenes. Vor Gericht erinnert sie sich kaum daran

Kerstin Gehrke

„Es war ein Mädchen“, sagte die Angeklagte. „Ich weiß noch, dass ich ihm dann die Nase zugehalten habe“, gestand sie. Keine Tränen liefen über ihr Gesicht. Emotionslos wirkte Bianca B., eine Verkäuferin, die, wie sie sagt, früher einmal von einer Arbeit als Erzieherin in einer Kita träumte. Im Juni 2002 hat sie heimlich in ihrem Badezimmer entbunden. Wenige Stunden später erstickte sie ihr Baby. Seit gestern muss sich die Mutter wegen Totschlags vor dem Berliner Landgericht verantworten.

Immer wieder fragte die Richterin nach: „Was haben Sie gedacht, was gefühlt? Man kann Kinder zur Adoption freigeben, es gibt die Babyklappe.“ Monoton wiederholte die 27-jährige Bianca B.: „Ich weiß nicht, was ich gedacht habe. Ich habe alles verdrängt.“ Sie sagte, dass sie nie über Probleme reden konnte. Die Schwangerschaft will sie bis fast zuletzt nicht bemerkt, für alle Signale ihres Körpers andere Begründungen gefunden haben. Als das Kind noch lebte, sei ihr kurz der Gedanke gekommen, dass sie es alleine nicht schaffen könnte.

Dann verdrängte sie das Baby wie in der Vergangenheit Probleme bei der Arbeit oder in der Beziehung. Sie wickelte das erstickte Baby in Handtücher, legte das Bündel auf den Fußboden und verließ die Wohnung. Sie zog zu ihrem damaligen Freund, einem 28-jährigen Studenten. Für ihre Wohnung in Lichtenrade zahlte sie weiter die 250 Euro Miete, hielt sich dort aber nicht mehr auf. Zwei Jahre später öffnete die Hauswartsfrau die Wohnung für Kabelarbeiten. „Ich dachte, da liegt ein totes Tier“, sagte die 42-jährige Augenzeugin am Dienstag im Prozess.

Kam es zu der furchtbaren Tat, weil Bianca B. Angst hatte, ihren Arbeitsplatz zu verlieren? „Das war es nicht“, versicherte die Angeklagte. „Wenn ich damals geredet hätte, wäre alles anders gekommen“, behauptete die 27-Jährige. Sie habe sich weder dem Vater des Kindes noch ihrer Mutter anvertrauen können. Bis heute könne sie sich selbst nicht erklären, was damals in ihr vorging. Ihr damaliger Freund zeigte sich als Zeuge fassungslos. „Es war mein Kind, ich hätte doch dazu gestanden“, sagte er. Er und die Mutter der Angeklagten bestätigten, dass sich Bianca B. bei Problemen auch früher oft verschlossen habe. Der Prozess wird am Freitag fortgesetzt.

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