Berlin : Den treuen Todfeinden gewidmet

Wolf Biermann sang beim Tag der offenen Tür in der früheren Stasi-Zentrale

Matthias Schlegel

Das Konzert kann nicht beginnen, weil immer noch Leute hinein wollen. Die Polizei sagt, mehr dürften nicht, wegen der Sicherheit. Wolf Biermann sitzt schon vor dem Mikrofon. Die Behördenchefin greift ein. „Marianne macht das schon“, sagt Biermann. In der Tat, nach Birthlers klärenden Worten kommen alle Leute rein, schließlich ist Tag der offenen Tür auf dem ehemaligen Stasi-Gelände in der Normannenstraße, da wäre Zusperren fatal. Später erzählt Biermann, dass ein Vierteljahr vor seiner Ausbürgerung 1976 bei einem Konzert in Prenzlau eine junge Frau zu seinen Füßen kniete, ihm ein Mikrofon hinhielt und die politisch anrüchigen Lieder mitschnitt. „Das war Marianne.“

Biermann ist an den Ort zurückgekehrt, von dem aus in sein Leben hineinregiert wurde. Die Stasi war sein Schatten, die SED sein Schicksal, beide zusammen waren seine poetische Inspiration. Paul Verner, so besingt Biermann den einstigen Ost-Berliner SED-Chef , „macht es sich selber schwer, er macht mich populär“. Honecker, Mielke, Krenz – alle leben sie in seinen Liedern fort: „Ich konservier’ euch als Insekt im Bernstein der Ballade.“

Die „Ermutigung“ ist, wie so oft, der Einstieg in das Konzert mit 500 Leuten zum Abschluss eines Tages, an dem das Volk noch einmal die Stasi-Zentrale erobert hat. „Du, lass dich nicht verbittern, in dieser bittren Zeit, die Herrschenden erzittern, sitzt du erst hinter Gittern, doch nicht vor deinem Leid.“ Hier verstehen ihn alle. Für zweieinhalb Stunden ist der Geist der friedlichen Revolution aus der Gitarre gekrochen, obwohl der, der sie anschlägt, damals aus dem Westen zuschauen musste. „Der Moloch krepierte wie nebenbei“, singt er in seiner „Bilanzballade im elften Jahr“. Resümee in der Ansage: „Keinem der Verbrecher wurde ein Haar gekrümmt. Das ist ein bisschen viel zu wenig.“ Da klatschen sie. „Man hätte sie erst aufhängen und dann noch mal in Ruhe miteinander reden sollen.“ Da stockt der Beifall. Das ist Biermann: lockt das Publikum, um es zu schockieren.

Und zwischendrin immer seine Lebensgeschichte: Eine Geschichte von Grenzerfahrungen im Politischen wie im Sinnlichen, von Zerrissenheit, von Melancholie und immer wieder von seinen „treuen Todfeinden“, den Spitzeln aus der Stasi-Zentrale.

Biermanns Freund Wolfgang Neuss veröffentlichte ungefragt 1965 in seiner Blödelzeitschrift „Neuss’ Deutschland“ in West-Berlin ein Lied des DDR-Künstlers, eine Anklage gegen das Grenzregime. Biermann heute: „Ich nehme es ihm nicht übel, der wusste nicht, was das in der DDR kostet.“ Biermann wird mit dem politischen Bann belegt: Staatsfeind, Verräter, Pornograf. Einen Satz verzeiht er seinen Widersachern nie: Er habe sich „mit den Mördern seines Vaters verbündet.“ Biermanns Vater war in Auschwitz vergast worden. Der Freidenker wird Widerständler. Nach einem Konzert in Köln 1976 darf Biermann nicht in die DDR zurück. In seinem letzten Lied vor der Ausbürgerung heißt es: „Ich möchte am liebsten weg sein, und bleib am liebsten hier." Erst 13 Jahre später hat sich diese Zerrissenheit erledigt.

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