Berlin : Denis Mieles, geb. 1977

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Mit dem Baseballschläger schlagen sie ihn nieder, dann schneiden sie ihm die Kehle durch, übergießen seinen Körper mit Benzin und zünden ihn an - auf der Müllkippe in Pankow. Knastkumpels - drei gegen einen. Denis Mieles hat keine Chance.

22 Jahre ist er, als er stirbt. Auf dem Couchtisch der Mutter steht ein großes Foto von Denis. Es ist das vergrößerte Polizeifoto. Ein anderes gibt es nicht. "Der Junge hat es schwer gehabt", sagt sie, "schon im Kindergarten hat er immer geweint."

Später in der Schule ist er der Träumer, unkonzentriert und zappelig, irgendwie anders. Freunde hat er keine. Mit vier Geschwistern von drei Vätern ist er kein guter Umgang. Also spielt er mit seinen Schwestern. Mit der Ältesten teilt er sich sogar das Bett. Die Kinder sind ordentlich angezogen, und das Jugendamt kümmert sich.

Für das erste gestohlene Fahrrad gibt es Stubenarrest. Als er in der Schule überhaupt nicht mehr folgen kann und beim Abtrocknen immer mehr Teller herunterfallen, wird er zum Arzt geschickt. "Eine stille Form von Epilepsie haben sie festgestellt", sagt die Mutter. Für eine Sonderschule ist es zu spät.

Als die Mauer fällt, ist Denis zwölf Jahre alt, ein schmächtiger Kerl, der gerne den Helden spielt. Sein Vorbild: Jean-Claude van Damme. Aus der Oberschule wird nach der Wende die erste Gesamtschule Treptow, ein Abstellgleis für Jugendliche wie Denis. Die Lehrer sind völlig überfordert. "Der Direktor hat uns als asozial beschimpft", erinnert sich Trixi, seine große Schwester. Die siebte Klasse wiederholt er drei Mal.

Denis sucht seine Anerkennung auf der Straße. Er lernt, Leute auszurauben und Autos zu knacken. Eine beliebte Mutprobe ist es, mit gestohlenen Autos in den Kanal zu rasen. Wer als Letzter das sinkende Auto verlässt, hat gewonnen. Bei den Raubüberfällen muss er sich noch mit den Münzen zufrieden geben. Die Scheine sind für die Großen. Wenn er auffliegt, verpfeift er seine Kumpels und entschuldigt sich bei der Mutter. "Jetzt bin ich wieder lieb", sagt er dann. Eine Zeitlang ist er das auch. Er schmust mit seiner kleinen Nichte, kümmert sich um herrenlose Hunde. Richtig nett und charmant kann er sein. "Wenn er nicht gerade seine fünf Minuten hatte", sagt Trixi. Und die "fünf Minuten" sind keine Seltenheit. Der Freund der Mutter setzt ihn immer wieder vor die Tür.

In Dortmund soll er noch mal ganz neu anfangen. Der Vater wohnt dort. Und Denis braucht eine feste Bezugsperson, einen Menschen, den er nicht enttäuschen will. "Für so jemanden wäre er vielleicht ausgestiegen", vermutet sein Jugendgerichtshelfer Dieter Ellabrock. Untergebracht in einem Erziehungsheim vom Diakonischen Werk, besucht er einen Berufsvorbereitungslehrgang. Eine echte Chance, findet das Jugendamt. Dass auch der Vater aus dem Millieu kommt, haben sie übersehen. Denis bricht den Lehrgang ab, bleibt aber in Dortmund. Endlich ist er auch mal der Chef. Nach seinen Überfällen behält er jetzt die Scheine. Ein aufgeflogener Raub bringt ihn zurück nach Berlin: zehn Monate Jugendhaft, abzusitzen in Plötzensee.

Danach besorgt ihm ein Freund der Familie eine Wohnung und einen Job. Denis träumt von Amerika, schönen Frauen und ganz viel Geld. Mit dem Geld will er sich einen Ferrari kaufen und seinen Geschwistern Häuser bauen. Aber so schön ist das Leben nicht. Vollgepumpt mit Drogen überfällt er eine Bank. Dabei wird er fast erschossen, weil seine Komplizen high und unkontrolliert mit ihren Waffen rumfuchteln. Sie werden sofort gestellt.

Während der zweieinhalb Jahre Haft macht Denis eine Entziehungskur und lernt neue Leute kennen. Wie immer will er beeindrucken. Er schwärmt von seinen Schwestern, so sehr, dass die Jüngste sogar Post von einem Zellengenossen bekommt.

Dann hat Denis Freigang, irgendwann im November 1999. Als er den Knast verlässt, weiß er, dass er nicht pünktlich zurückkehren wird. Weihnachten und Silvester lassen sich besser in Freiheit feiern. Außerdem wollen die Kumpels ihn testen. "Ein paar Schlecker machen", wie sie es nennen, wenn sie Drogerien ausrauben. Denis soll zeigen, ob er auch für einen größeren Coup taugt. Die Überfälle laufen glatt, aber er ist nicht verschwiegen genug. Zu gerne brüstet Denis sich mit seinen Taten. Das macht die anderen nervös. Nach zwei Litern Wodka und einer Nase Kokain sperren sie ihn in den Kofferraum und fahren zur Müllkippe nach Pankow. Dort fallen sie über ihn her.

Vor einem Jahr ist er also umgekommen. Im Herbst 2000 hat die Familie eine Todesanzeige aufgegeben. Damit Denis nicht vergessen wird.

Im Januar dieses Jahres gesteht Daniel, der Jüngste der drei mutmaßlichen Täter. Ihn ließen die schrecklichen Bilder nicht los. Die Mutter hat einen Brief von ihm bekommen. In Kinderschrift steht da geschrieben: "Wir haben Ihnen etwas weggenommen, was wir Ihnen leider nicht zurückgeben können. Das ist das Schlimmste, was wir einer Mutter antun können."

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