Denkanstöße für Berlin : "Berlin ist noch keine Stadt für Senioren"

Der demografische Wandel birgt auch Chancen, die Berlin bisher zu wenig nutzt, meinen Experten.

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Die Umstellung Berlins auf eine alternde Bevölkerung muss noch besser werden.
Die Umstellung Berlins auf eine alternde Bevölkerung muss noch besser werden.Foto: dpa

Kräftiges Nicken aller Beteiligten begleitete den Satz, der das Problem so einfach zusammenfasste. „Berlin ist noch keine Stadt für Senioren“, sagte Klaus-Dieter Trautmann, Vorsitzender der Seniorenvertretung Spandau und der Wählergemeinschaft Panther, der am Mittwochabend zur Diskussionsreihe „Denkanstöße für Berlin“ der Bayer Schering Pharma AG eingeladen war. Thema der Runde: „Älterwerden in Berlin – Hauptstadt auch für Senioren?“. Obwohl der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) den rasanten Anstieg der älteren Bevölkerung in Berlin bereits vor drei Jahren zur Chefsache erklärt hatte, ist in der Stadt bisher wenig passiert. „Wir Senioren möchten beteiligt werden, diese Stadt mitzugestalten“, sagte Trautmann. Doch seine Sätze verhallten in den Räumen des Pharmaunternehmens. Trotz Einladung war kein Vertreter des Senats gekommen.

„Das Thema ist im Abgeordnetenhaus noch nicht der große Aufreger“, sagte der stattdessen mitdiskutierende Volker Ratzmann, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Abgeordnetenhaus. Er prophezeit jedoch, dass sich das schnell ändern werde, sobald die Arbeitskräfte knapp würden. „Wir müssen eine Normalität für das Thema herstellen.“ Längst getan hat das Marita Gerwin, deren Projekte als Seniorenbeauftragte der Stadt Arnsberg im Sauerland mehrfach ausgezeichnet wurden. „Wir müssen vor allem Ressentiments gegenüber älteren Menschen abbauen“, sagte sie. In ihrem Projekt Opa-Parazzi hätten sich beispielsweise Jugendliche und Ältere über ihre Lebensvorstellungen ausgetauscht und die Senioren hätten dabei das Weltbild der Jugend oftmals auf den Kopf gestellt. Dabei dürfe es nicht immer nur ums Geld gehen. „Für gute Ideen findet man immer auch einen Sponsor“, sagte Gerwin.

Am besten gelinge das im Kleinen, da waren sich alle einig, also ganz konkret im Kiez. „In Berlin passiert das noch zu wenig“, sagte Ratzmann. Das Potenzial der Senioren werde nicht abgerufen. Dabei wollten viele Ältere etwas zurückgeben, betonte Trautmann. Sie hätten zwar Zeit, doch oft scheitere es am Finanziellen. „Es muss doch möglich sein, für ein ehrenamtliches Engagement zumindest das Fahrgeld von der Stadt erstattet zu bekommen“, forderte Trautmann. Die steigende Altersarmut führe dazu, dass es Senioren gebe, „die sich das Ehrenamt nicht mehr leisten können“. Gerade in der Anonymität einer Großstadt könnten Vereinsamung, Alkohol- oder Drogenkonsum die Folge sein, sagte auch Marita Gerwin.

Dabei haben ältere Menschen, das haben Studien gezeigt, durchaus noch eine große Wirtschaftskraft. Gerwin berichtete von einer Firma in Arnsberg, die pensionierte Mitarbeiter aktiv in die Lehrlingsausbildung einbezieht. „Das ist ein Riesenerfolg“, sagte sie und zumindest der anwesende Kommunikationschef von Bayer Schering, Oliver Renner, machte eifrig Notizen.

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