Denkmal in der Spandauer Straße : Die Mendelssohns, eine Familie die Berlin prägte

Nach den Sommerferien soll in der Spandauer Straße ein Bodendenkmal zu Ehren von Moses Mendelssohn eröffnet werden. Auch viele Bücher beschäftigen sich mit der Familie, die Berlin geprägt hat.

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Moses Mendelssohn, in einem Kupferstich von Johann Gotthard Müller (1786), nach einem Porträt von Johann Christoph Frisch (1783). Foto: Privat
Moses Mendelssohn, in einem Kupferstich von Johann Gotthard Müller (1786), nach einem Porträt von Johann Christoph Frisch (1783).Foto: Privat

Die Gedenktafel, die zum 100. Geburtstag Moses Mendelssohns 1829 an dessen Haus an der Spandauer Straße in Mitte angebracht wurde, hat eine kleine Odyssee hinter sich: Als der Bau 1886 einem Hotel wich, lag sie jahrelang herum, bis sie 1911 am Nachbarhaus angeschraubt wurde. Von dem blieb im 2. Weltkrieg nicht viel übrig, die Tafel schien verloren. Erst gut vier Jahrzehnte später tauchte sie im Heizungskeller der Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße wieder auf, hängt nun als Leihgabe des Centrums Judaicum in der ehemaligen Kapelle des Dreifaltigkeitsfriedhofs am Halleschen Tor – ein Ausstellungsraum, in dem die Mendelssohn-Gesellschaft seit 2013 an ihren Namensgeber und seine Familie erinnert.

Seit einigen Wochen gibt es die Tafel auch als Kopie, integriert in das neue Bodendenkmal in der Spandauer Straße. Mit ihm erinnert der israelische Künstler Micha Ullman, der schon das Mahnmal zur Bücherverbrennung auf dem Bebelplatz schuf, an das Wohnhaus Mendelssohns, des philosophischen Textilfabrikanten und Wegbereiters der Aufklärung, der seinem Freund Lessing sogar als Vorbild für die Titelfigur zu „Nathan der Weise“ diente. Viele Passanten bleiben dort stehen – dabei ist das Denkmal noch nicht mal fertig, bedarf kleinerer Korrekturen, bevor es wohl nach den Sommerferien offiziell seiner Bestimmung übergeben wird.

Zeit genug, sich über die Mendelssohns näher zu informieren. Ein kleiner Stapel von Büchern ist jüngst über die Familie erschienen, zweifellos am dekorativsten der Band „Die Familie Mendelssohn und ihre Gräber vor dem Halleschen Tor“. Gedacht als Katalog zur Ausstellung in der dortigen Kapelle, übertrifft sie diesen Zweck weit: rund zwei Dutzend Kurzbiografien, ergänzt um eine Fülle von Fotos, Bildern, Dokumenten und, den biografischen Rahmen sprengend, durch Kurzessays zu Themen wie „Wirtschaft und Politik“, „Kunst, Wissenschaft und Stiftungen“ und selbstverständlich „Musik und Literatur“.

Familienchronik „Das Glück der Mendelssohns“

Mehr ein Wegweiser zu den Gräbern der Mendelssohns in Berlin ist der schmale Band „Ich wach“. Auf 15 Friedhöfen findet man Spuren der Familie. Deren Ahnherr hatte seine letzte Ruhestätte auf dem jüdischen Friedhof an der Großen Hamburger Straße gefunden, der bis 1827 genutzt und von der Gestapo zerstört wurde. Erst seit 2007/08 ist er wieder als Friedhof erkennbar; Moses Mendelssohn hat einen neuen Grabstein erhalten, den mittlerweile vierten. Er steht nun dort, wo man das Grab anhand alter Aufnahmen lokalisiert hatte.

Karl Mendelssohn-Bartholdy, ältester Sohn des berühmten Felix, fand kein Grab in Berlin, er starb 1897 in einer psychiatrischen Klinik in der Schweiz. Er ist die Hauptfigur einer Graphic Novel, gezeichnet von Elke Renate Steiner, die sich zuvor bereits Arnold Mendelssohn und Dorothea Schlegel gewidmet hatte.

All diese Haupt- und Nebenfiguren tauchen selbstverständlich auch in der Familienchronik „Das Glück der Mendelssohns“ auf, die Thomas Lackmann, Tagesspiegel-Redakteur und Mitglied der Mendelssohn-Gesellschaft, 2006 im Aufbau-Verlag herausgebracht hat, schon damals in der Presse hoch gelobt, und die jetzt überarbeitet noch einmal bei Nicolai erschienen ist. Mehr ein Geschichtspanorama als eine Familiengeschichte, ein akribisches Nachspüren der prägenden Wirkung, die die Mendelssohns seit dem 18. Jahrhundert bis 1938, dem Jahr der Pogromnacht, auf Leben und Kultur in Berlin, ja Deutschland hatten, als Dichter, Denker, Musiker, Künstler, Bankiers und Fabrikanten. Und dabei ging es keineswegs nur feingeistig-kultiviert, vielmehr mitunter auch ziemlich schockierend zu. „Freie Liebe“ heißt ein Kapitel der Familienchronik, gewidmet Dorothea, der ältesten Tochter des Ahnherrn: Scheidung, wilde Ehe mit dem erst später geehelichten Friedrich Schlegel, der die leidenschaftlichen Begegnungen auch noch in dem Roman „Lucinde“ besang. Skandal! Die Aufregung um „Shades of Grey“ ist nichts dagegen.

Thomas Lackmann/Andreas Neumann: Die Familie Mendelssohn und ihre Gräber vor dem Halleschen Tor. Nicolai-Verlag, Berlin. Dt./engl., 256 S., 300 Abb., 29,90 Euro;
Mendelssohn-Gesellschaft (Hg.): Ich wach. Die Grabstätten der Familie Mendelssohn in Berlin. 126 S., 5 Euro (erhältlich in der Mendelssohn-Remise, Jägerstraße 51, Mitte, Tel. 81704726);
Elke Renate Steiner: Die anderen Mendelssohns. Karl Mendelssohn-Bartholdy. Reprodukt-Verlag, Berlin. 126 S., 24 Euro; 
Thomas Lackmann: Das Glück der Mendelssohns. Geschichte einer deutschen Familie. Nicolai-Verlag. 562 S., 34,95 Euro

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