Berlin : Denkmalschutz: Ohne festen Boden unter den Füßen

Christian van Lessen

Die Quadriga auf dem Brandenburger Tor ist sanierungsreif. Reinhard Müller, Vorstandsmitglied der privaten Stiftung Denkmalschutz Berlin, sprach am Sonnabend von rund einer halben Million Mark, die für Schäden an der Victoria und dem Vierergespann ausgegeben werden müssten. Die Reparatur könne am Ort erfolgen.

Die Stiftung sei zuversichtlich, auch hierfür Sponsorengelder zu erhalten, wie das schon bei der Tor-Sanierung der Fall ist. Vertragspartner der Bauherrin ist die Deutsche Städtereklame, die einen Vertrag mit der Telekom hat. Ursprünglich hatte die Stiftung angenommen, die kupferne Quadriga müsse nach einer Reparatur Anfang der neunziger Jahre, bei der auch Schäden aus der Silvesternacht 1990 beseitigt wurden, nicht mehr ins Sanierungsprogramm des Brandenburger Tores aufgenommen werden.

Auf dem Dach des Berliner Wahrzeichens erklärte Müller bei einer Führung, dass zahlreiche Stellen der Quadriga damals offenbar falsch geschweißt wurden; dies habe unter anderem zu dunklen Flecken im grünen Kupfer geführt. Auch die Satteldecken der Pferde seien undicht. Ferner müssten Kritzeleien beseitigt werden, etwa die Buchstaben "ZDF". Müller wies auf Victorias Füße: Ursprünglich standen sie auf dem Dachsockel, nach Reparaturen verlor die Siegesgöttin festen Boden, sie "schwebt" auf einem Minipodest in rund zehn Zentimetern Höhe.

Ansonsten sei man bei der 4,9 Millionen Mark teuren Reparatur und Säuberung des Tores, für die 14 Monate vorgesehen sind, im Zeitplan, versicherte der Architekt. Rund 30 Restauratoren und Bauhandwerker arbeiten am Bau, mit drei Lasergeräten werden oberflächenschonend die Säulen gesäubert, gut die Hälfte des Pensums ist erledigt. Im Februar nächsten Jahres sollen die Hüllen fallen. Eine verlängerte Sanierung des Brandenburger Tores ist aber nach Senatsangaben nicht ganz ausgeschlossen. Um die Termine zu halten, muss spätestens im Herbst politisch entschieden werden, ob das Tor nun nach ur-historischem Vorbild weiß oder "steinsichtig" werden soll; bis 1924 gab es immerhin acht verschiedene Farbanstriche, und aktuell sind elf Farbtöne in der engeren Wahl. Aus der Nähe gesehen aber sollen im Elbsandstein später auch noch Wunden erkennbar sein, die dem 1791 fertig gestellten Tor zugefügt wurden, allein im letzten Krieg waren es rund 100 000 Einschüsse. Man wolle bei der Sanierung eine für die Fachwelt und die Berliner "optisch und wissenschaftlich optimale Lösung".

Vorhande Risse werden genau vermessen, sie sollen nicht besorgniserregend sein, aber sie deuten auf Bewegungen im Bauwerk hin. Der unter dem Tor gestoppte U-Bahntunnelvortrieb dürfte Auswirkungen zeigen. Schlecht zu sprechen ist Architekt Müller vor allem auf den Bus-Durchgangsverkehr. Er schade dem Bauwerk. Unterhalb der Quadriga, in der hohen Soldatenkammer - in der so mancher Riss klafft - blieb Müller den Beweis nicht schuldig: Fuhr ein Bus durchs Tor, vibrierten Wände und Decken.

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