Berlin : Denn sie wissen nicht, was sie tun sollen

Aus Langeweile drangsalieren junge Ausländer in Nord-Schöneberg einen ganzen Kiez – das Café „PositHiv“ will deswegen wegziehen

Katja Füchsel

Schluss, aus, vorbei – im „Café PositHiv“ sind sie es leid. Den Schrecken, der sie durchfährt, wenn die Kids draußen mal wieder mit den Fäusten gegen die Scheiben donnern. Oder wenn die Jugendlichen die Tür aufreißen und den Gästen ganze Pflastersteine vor die Füße werfen. Draußen die Regenbogenfahne herunterreißen, laut skandieren: „Schwule Säue!“ An so etwas gewöhnt man sich nicht, deshalb zieht das Projekt der Berliner Aids-Hilfe jetzt, nach acht Jahren in der Alvenslebenstraße, weg. „Das geht hier nicht mehr“, sagt Michael im „Café PositHiv“. Noch habe man aber kein passendes Ausweichquartier gefunden.

Heute ist es ruhig im Kiez rund um die Alvenslebenstraße, fast ein bisschen zu ruhig. Kinder kurven auf Fahrrädern über den Bürgersteig, türkische und arabische Jugendliche sitzen zu zweit oder dritt in der Sonne. Sie ziehen an ihren Zigaretten oder spucken Kürbiskern-Schalen auf den Asphalt. Die Langeweile ist in Nord-Schöneberg gewissermaßen greifbar, jene Langeweile, die jederzeit in Aggression umschlagen kann. „Dann ziehen die Jugendlichen durch die Gegend und testen ihre Grenzen aus“, sagt Christian Kortbein vom Polizeiabschnitt 41.

Es trifft nicht nur das „Café PositHiv“, im Kiez kann fast jeder Händler mit einer Geschichte aufwarten. Von fliegenden Steinen, unflätigen Bemerkungen, abgebrochenen Eisfahnen. 30 bis 40 Jugendliche machten in Nord-Schöneberg die Gegend unsicher, schätzt Michael im „Café PositHiv“. Auch der Lesben- und Schwulenverband (LSVD) am Willmanndamm bekommt regelmäßig Besuch von ausländischen Kids. „Die klopfen ständig und fragen mit einem leicht aggressiven Unterton beispielsweise: Bist du schwul?“, sagt Alexander Zinn. Der LSVD-Sprecher führt die ungebetenen Besuche nicht nur auf überschüssige Hormone, sondern auch auf eine schwulenfeindliche Haltung der Jugendlichen zurück. Zinn: „Religiöse Motive spielen ebenso eine Rolle wie die ländliche Herkunft und die patriarchalischen Familienstrukturen bei vielen Einwanderern.“

Beim „Quartiersmanagement Schöneberger Norden“ werden die Probleme auf folgenden Nenner gebracht: ein hoher Anteil Ausländer im Kiez, viele Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger. „Fünf, sechs Kinder sind in den türkischen und arabischen Familien keine Seltenheit“, heißt es im Büro an der Pallasstraße. Um die Kinder von der Straße zu holen, bietet der Bezirk Angebote für die Nachmittage und Ferien an. Der Spielplatz wurde umgestaltet und um einen Kletterfelsen bereichert. „Das alles soll den Aktivitätendrang in die richtige Richtung lenken“, sagt Jugendstadträtin Angelika Schöttler (SPD). Außerdem versuche man, das Problem mit zwei Streetworkern in den Griff zu bekommen, die kürzlich von Friedenau hierher versetzt wurden. Schöttler: „Das kommt für das Café leider zu spät.“

Auch die Polizisten vom Abschnitt 41 haben öfters im „PositHiv“ vorbeigeschaut, abgesehen von ein paar guten Ratschlägen konnten sie aber selten eingreifen. „In der Regel bleiben die Übergriffe unter der Strafbarkeitsgrenze“, sagt Kortbein. Den geplanten Umzug vom „Café PositHiv“ empfinden im Schöneberger Norden allerdings viele als bittere Niederlage. „Es ist unerhört bedauerlich“, sagt Stadträtin Schöttler. „Aber ich kann es nachvollziehen.“

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