Deportation aus KZ in Arbeitslager : Gedenken an das Grauen von Jamlitz

Ein Ex-Häftling besucht ein früheres KZ bei Cottbus – kurz vor der Gedenkfeier gab es hier zwei Anschläge.

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In Jamlitz wird an das Grauen in den Jahren 1944 und 1945 gedacht.
In Jamlitz wird an das Grauen in den Jahren 1944 und 1945 gedacht.Foto: picture-alliance/ dpa

Fast auf den Tag genau nach 72 Jahren kommt Jakob Richter wieder nach Jamlitz. Im Juni 1944 gehörte der damals 15-Jährige zum ersten Transport jüdischer Häftlinge aus dem KZ Auschwitz-Birkenau in das „Arbeitslager Lieberose“ in Jamlitz nördlich von Cottbus. An dieses Ereignis erinnert am heutigen Sonnabend um 18 Uhr eine Gedenkveranstaltung – dort, wo vor kurzem zwei Anschläge verübt wurden.

„Wir schließen einen rechtsextremistischen Hintergrund der Taten nicht aus“, sagt ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Cottbus. Noch aber gibt es keine Hinweise auf den oder die Täter, die am 18. Mai kurz nach 13 Uhr eine zwei Meter hohe Schautafel am Eingang der Gedenkstätte des ehemaligen KZ-Außenlagers Jamlitz-Lieberose im Landkreis Dahme Spreewald in die Luft sprengten.

In Jamlitz wurden Tausende vorwiegend jüdische Häftlinge getötet

Es waren vermutlich „Polenböller“, die bei der Aktion am helllichten Tag zum Einsatz kamen. Die Ermittler gehen davon aus, dass es einen Zusammenhang zu dem zweiten Anschlag gut eine Woche zuvor gibt. Damals wurden zwei Informationstafeln der gläsernen Gedenkstätte zerstört. „Wir prüfen natürlich, ob es sich um dieselben Täter handelt“, sagt der Sprecher der Staatsanwaltschaft.

In Jamlitz wurden 1944/45 Tausende vorwiegend jüdische Häftlinge durch Zwangsarbeit oder Erschießen getötet. Die Waffen-SS hatte das Lager Ende 1943 als Nebenlager des KZ Sachsenhausen errichtet. Viele Häftlinge des Vernichtungslagers Auschwitz wurden zur Arbeit nach Jamlitz gebracht. Nach dem Krieg wurde das KZ von den Sowjets genutzt. Etwa 10.000 Menschen kamen in das „Speziallager Nr. 6“ – beinahe jeder Dritte fand dort den Tod. Neben Kriegsverbrechern wurden damals viele Menschen zu Unrecht eingesperrt, vor allem Jugendliche und Frauen. Diejenigen, die in der DDR lebten, konnten erst nach 1989 über ihr Schicksal reden und sich um Rehabilitierung bemühen.

Viele Bürger engagieren sich ehrenamtlich

Verantwortlich für die Jamlitzer Gedenkstätte ist die evangelische Gemeinde von Lieberose. Pfarrerin Susanne Brusch erzählt, dass sich viele Bürger ehrenamtlich dort engagieren. Deshalb schließt sie aus, dass Einheimische etwas mit dem Anschlag zu tun haben. In den vergangenen beiden Jahren war auch ein zum Gedenken an die ermordeten Häftlinge angelegter jüdischer Friedhof im benachbarten Schenkendöbern geschändet worden. Die Ermittlungen blieben ergebnislos. Dass es sich um dieselben Täter, zumindest aber um dieselben Motive handelt, ist auch deshalb wahrscheinlich, weil in Jamlitz nur die Erinnerungsstätte für ermordete Juden betroffen war. Die für die Opfer des Sowjetlagers blieb verschont.

Seit Beginn der 1990er Jahre hat sich die Zahl der Anschläge auf Gedenkstätten in Brandenburg stetig verringert. Zuletzt waren im Jahr 2009 zwei Männer verurteilt worden, die 2002 und 2008 Anschläge auf die Gedenkstätte „Todesmarsch“ im Belower Wald bei Wittstock verübt hatten. Sie stammten aus dem rechtsextremen Milieu der Region.

Eine dauerhafte Überwachung wird gefordert

Der geschätzte Schaden der Zerstörungen von Jamlitz liege bei mehr als 10.000 Euro, sagt Horst Seferens von der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten. Er fordert angesichts wiederholter Angriffe für die Gedenkstätten in Jamlitz und Schenkendöbern eine dauerhafte Überwachung per Video oder Wachschutz. Zwar stehe bei Orten mit Freiluft-Ausstellungen wie in Jamlitz der freie Zugang für Besucher im Vordergrund. Gleichwohl müssten aber effektive Sicherheitskonzepte greifen. Orte wie Sachsenhausen oder Ravensbrück seien hingegen schon durch ihre historische Topografie umfriedet und würden außerdem bewacht.

„Wir haben in den kommenden Tagen einen Termin bei der Polizei, um über Schutzmaßnahmen zu beraten“, sagt Pfarrerin Susanne Brusch : „Wir wollen aber auch schauen, dass Ehrenamtliche öfter als bisher auf dem Gelände präsent sind, beispielsweise um Gäste zu betreuen.“

Am Sonnabend, sagt sie, wollen Einheimische, Kommunal- und Landespolitiker sowie Überlebende aber erst einmal der Opfer gedenken: „Und dabei sehr deutlich machen, dass wir zwar betroffen sind, uns aber nicht einschüchtern lassen.“ Auch Jakob Richter, der aus Chicago anreist, ist dabei und wird wahrscheinlich auch reden. Als er vor 72 Jahren in Jamlitz eintraf, begleitete ihn sein Vater. Der kam wenig später im KZ ums Leben. Dieses Mal kommt Richter mit seinem Sohn.

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