Berlin : Depressions-Forscher: Jeder zweite Patient ist Lehrer

Die Psychiatrische Klinik der FU ist alarmiert und will das Burnout-Syndrom der Pädagogen erforschen

Susanne Vieth-Entus

Rund 60 Prozent der Patienten, die zur Depressions-Sprechstunde in die Psychiatrische Klinik der Freien Universität kommen, sind Lehrer. Jetzt will die FU dem Burnout-Syndrom auf den Grund gehen. Der Handlungsdruck ist groß: In Berlin erreicht kaum ein Pädagoge das normale Rentenalter. Allein im vergangenen Jahr schieden 590 Lehrer wegen Dienstunfähigkeit vorzeitig aus.

Die Freie Universität will durch ein gemeinsames Forschungsvorhaben der Psychiater und Erziehungswissenschaftler klären, welche Faktoren für die Pädagogen besonders belastend sind. Insbesondere soll die Frage geklärt werden, warum der eine Lehrer den Schulalltag durchhält und der andere ausfällt. Deshalb plant Klinikleiterin Isabella Heuser ab Frühjahr 2003 eine systematische Erhebung unter ihren Patienten, die flankiert werden soll unter anderem durch Befragungen von Lehrern und Lehramtsstudenten. Diesen Part übernimmt der Fachbereich Erziehungswissenschaft unter dem FU-Vizepräsidenten Dieter Lenzen.

In Berlin gehen dienstunfähige Lehrer im Schnitt mit 57 Jahren in Rente. 590 Lehrer schieden 2001 vorzeitig aus, nur 177 gingen regulär in den Ruhestand. Manfred Triebe vom Gesamtpersonalrat schätzt, dass „mindestens ein Drittel“ der dienstunfähigen Lehrer wegen Burnout-Depressionen ausfällt.

Dazu kommt aber noch ein großer Prozentsatz, der unter „Somatisierungsstörungen“ leidet: Schmerzen psychischen Ursprungs. Isabella Heuser, zugleich Inhaberin des Lehrstuhls, schätzt, dass rund 70 Prozent der Fälle von Dienstunfähigkeit mit dem zu tun haben, was landläufig unter „Burnout“ verstanden wird. Und sie betont, dass die Betroffenen keine Simulanten seien: „Sie sind krank und können nicht mehr.“

Die Spezialistin für Depressionen vermutet, dass diese Befunde einen engen Zusammenhang haben mit der „sozialen Degradierung“ und „Demontage“ der Lehrer, die mit ihrem schlechten Image nicht zurechtkommen. Nun will sie herausfinden, was in Persönlichkeit und Biographie so genannte erfolgreiche Lehrer von solchen unterscheidet, die den Beruf vorzeitig und krank beenden müssen. Ihre zentrale Frage ist: Was sind die Risikofaktoren und was sind die protektiven, also die „schützenden“ Faktoren?

Wie stark gefährdet die Lehrer sind, geht aus Untersuchungen der Universität Potsdam hervor. Demnach unterliegen über 60 Prozent der Lehrer dem Risiko, psychisch zu erkranken – häufiger als jede andere Berufsgruppe. Als Schlussfolgerung empfiehlt Uwe Schaarschmidt vom Institut für Psychologie, die Rahmenbedingungen der Lehrertätigkeit zu ändern – also etwa „zumutbare“ Klassengrößen zu schaffen. Außerdem müsse im Vorfeld gefragt werden, ob ein Student tatsächlich die „persönlichen Voraussetzungen“ für den Lehrerberuf mitbringe.

Aber auch die Universitäten selbst könnten ihren Teil dazu beitragen, die angehenden Lehrer gegen „Burnout“ zu schützen, meint FU-Erziehungswissenschaftler Lenzen. Indem das Studium praxisnäher werde, steige auch die „Professionalität“ der Lehrer. Und damit würden sie eher in die Lage versetzt, mit schwierigen Schülern umzugehen, die richtigen Diagnosen zu stellen, wenn ein Kind etwa lernbehindert oder hochbegabt sei, und sie könnten mehr Sicherheit bei der Planung und Durchführung des Unterrichts gewinnen. Seine Hypothese lautet: Je besser die Lehrer vorbereitet sind, desto geringer ist das Burnout-Risiko.

Bevor die „reformierten“ Lehrer in den Schulen ankommen, muss aber erstmal mit dem vorhandenen Personal und seinen großen Risiken umgegangen werden. Auch ihnen soll gezielt geholfen werden. Klinikleiterin Isabella Heuser möchte „ganz praktische Hilfestellung“ anbieten wie etwa Seminare, die vermitteln, wie man Stress gar nicht erst entstehen lässt, oder wie man den bereits vorhandenen Stress bewältigt. Und sie will klären, ob und wie man Lehrer gegen den Schulstress „immunisieren“ kann.

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