Berlin : Der 11. September ist kaum ein Thema

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Von Suzan Gülfirat

Jeden Montag im Tagesspiegel: Ein Rückblick auf die in Berlin erscheinenden türkischen Tageszeitungen.

An bestimmten Tagen sind die zwei Welten, die in den Regalen der Berliner Kioske nur wenige Millimeter voneinander entfernt lagern, einander besonders fern. Der 11. September war wieder so ein Tag. Während auf den Titelseiten der deutschen Zeitungen die Bilderflut dem Leser das Grauen des Terroranschlag am 11. September 2001 in New York wieder vor Augen führte, musste der Leser türkischer Zeitungen regelrecht suchen, um einen Hinweis auf diesen Gedenktag zu finden. In der Hürriyet wurde er ganz unten auf der Titelseite fündig, weil dort ein Foto des Todespiloten Mohammed Atta zu sehen war. „Atta soll auch mit Turkish Airlines zu bin Laden geflogen sein“, titelte das Blatt. In dem kurzen Text dazu gab es einen Hinweis darauf, dass die 26. Seite eine Sonderseite zu diesem Thema ist.

Die Tageszeitung Türkiye fasste sich am kürzesten an diesem Tag. Sie brachte am untersten Rand ihrer Titelseite einen Hinweis auf die 13. Seite und zeigte ein Foto des amerikanische Präsident George W. Bush. Die 13. Seite erwies sich jedoch nicht als Sonderseite, sondern als gewöhnliche Nachrichtenseite, wo ein längerer Text inmitten vieler anderer Texte platziert war mit der Überschrift: „Amerika im Alarmzustand.“ Nur die Tageszeitung Milliyet rückte ihren Hinweis in der Mitte der Titelseite und zeigte dazu eine andere Aufnahme: Eine junge Mutter hockte zusammen mit ihren zwei kleinen Kinder inmitten von unzähligen kleinen Holzkreuzen. „Jetzt ist nicht mehr jeder Amerikaner“, lautete die Überschrift. „Vor einem Jahr noch hat die französische Zeitung Le Monde getitelt: ,Wir sind alle Amerikaner.’ Jetzt ist diese Solidarität gegenüber Amerika verschwunden. Sogar bei den Amerikanern ist die Zustimmung für ,Krieg gegen Terror’ geschrumpft“, hieß es dazu. Im Innenteil gab es mehrere Kommentare voller Kritik gegenüber George W. Bushs Absichten, Irak zu bombardieren.

Der Aufmacher der Titelseiten am 11. September war die neueste Regierungskrise in der Türkei, die entstanden ist, weil einige Politiker die bevorstehenden Parlamentswahlen verschieben wollen. Die Milliyet brachte zusätzlich auf der Titelseite einen „historischen Aufruf“ an die Bundesregierung: „Gebt den Türken die doppelte Staatsbürgerschaft, damit sie endlich alle wählen dürfen“, hieß es. „Die Polen dürfen“, beschwerte sich das Blatt. Damit meinte sie die Nachfahren der Deutschen, die nach der Gebietsabtretung an ihrem Heimatort geblieben sind und nie ihre Ausbürgerung beantragt haben. Die dürfen tatsächlich an der Bundestagswahl teilnehmen. Darüber hinaus war eine Zeitung besonders damit beschäftigt, die türkische Ehre wiederherzustellen: „Die deutsche Polizei hat sich massiv geirrt“, titelte die Hürriyet am 11. September auf ihrer Europaseite, nachdem die Bundesregierung erklärt hatte, dass der Bombenbastler Osman P. aus Walldorf bei Heidelberger vermutlich ein verstörter Einzeltäter sei.

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