DER 17. JUNI DANACH : Feiertag, Gedenktag, Klassenkampftag

1954, ein Jahr nach den gewaltsamen Auseinandersetzungen im anderen Teil Deutschlands, wurde der 17. Juni in der alten Bundesrepublik erstmals als Nationalfeiertag, als Tag der Deutschen Einheit, begangen. Politiker würdigten fortan den Tag einmal im Jahr als Symbol des Widerstands gegen die SED-Herrschaft, als Symbol des Freiheitswillens der DDR-Bürger. Doch er teilte bald das Schicksal aller Feiertage: Die Leute schätzten ihn, weil er ihnen zusätzliche Freizeit bescherte, aber vom eigentlichen Sinn, dem Gedenken an den Anlass, blieb schon bald wenig übrig.

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Gedenken an den 17. Juni 1953 in der DDR
Gedenken an den 17. Juni 1953 in der DDR

In der DDR wurden der Tag und seine Bedeutung ohnehin krampfhaft ignoriert. Der Volksaufstand wurde nach staatsoffizieller Lesart als eine von den „Bonner Ultras“, also vom Klassenfeind angezettelte Aktion betrachtet. Oberagitator Karl-Eduard von Schnitzler sprach denn auch am 18. Juni 1953 in seinem Kommentar „von bezahlten Provokateuren, vom gekauften Abschaum der Westberliner Unterwelt“, die einen „Anschlag auf die Freiheit ... auf die Existenz, auf die Arbeitsplätze, auf die Familien unserer Werktätigen versucht“ hätten. Die Altherrenriege in der SED-Führung gemahnte das Datum umso eindringlicher an revolutionäre Wachsamkeit. Die Stasi, „Schild und Schwert der Partei“, fuhr alle Jahre wieder an diesem Tag Sonderschichten, um eventuelle „Provokationen“ zu vereiteln. Nach der deutschen Einheit hatte der 17. Juni als Feiertag ausgedient – der 3. Oktober übernahm, nun auch irgendwie passender, diese Funktion. Der 17. Juni hingegen ist bis heute Gedenktag – wie der 27. Januar, der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, und der 20. Juli, der Gedenktag an Widerstand gegen die NS-Gewaltherrschaft. Matthias Schlegel

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