Berlin : Der Abschied des Retters

Alexander Iljinskij leitete den Friedrichstadtpalast. Elf erfolgreiche Jahre lang. Jetzt hört er auf

Heidemarie Mazuhn

Im Esszimmer von Alexander Iljinskij blickt „Ritter Fridolin“ den Gästen auf die Teller. Mit der lebensgroßen Ritterrüstung teilen sich der Intendant des Friedrichstadtpalastes und sein Lebensgefährte, der Berliner Polizist Thomas Richter, 180 Quadratmeter Altbau in Schöneberg. Im Frühling können Nachbarn dort auch schon mal den Schnee leise rieseln hören – wenn Iljinskij an der nächsten Weihnachtsrevue arbeitet. Manchmal ist auch „Fridolin“ zu hören – als dem nachts mal das Schwert mit lautem Gepolter aus der eisernen Faust fiel, erschreckte das sogar Iljinskij fast zu Tode, obwohl er als Schottlandfan Gespenstisches und Spukgeschichten liebt.

Seine „Hexen“ sollen im Herbst im Friedrichstadtpalast spuken – so heißt die Revue aus seiner Feder. Zur Premiere am 4. September steht Iljinskij nur noch als geistiger Vater der „Hexen“ auf der Bühne – nach fast elf Jahren legt der dienstälteste Intendant Berlins am 31. Juli sein Amt nieder. Das Abschiedszeremoniell beginnt aber schon am heutigen Montagnachmittag mit einem Empfang.

Künftig will der diplomierte Philosoph und Psychologe wieder mehr schreiben oder eine Radiosendung moderieren. So wie seinerzeit die „Zwischentöne“ beim MDR, in der Iljinskij große Schauspieler der Ex-DDR gesamtdeutsch bekannt machte und sich damit beruflich ein Jahr über Wasser hielt.

Am 30. September 1992 hatte Julian Herrey, damals „Wessi“-Intendant des Friedrichstadtpalastes, seinen „Ossi“- Chef-Dramaturgen gefeuert – Alexander Iljinskij. Genau ein Jahr später bekam Herrey vom damaligen Kultursenator Ulrich Roloff-Momin die Papiere und Iljinskij zwei Stunden Bedenkzeit für das Angebot, die Intendanz zu übernehmen.

Der Vogtländer überlegte nicht lange. Am 1. Oktober 1993 fuhr er im Senatsauto vor dem deutschen Revue-Flagschiff Europas vor, das in der Friedrichstraße mit nur noch 35 Prozent Auslastung kurz vor dem Untergang stand. Einer der bewegendsten Momente seines bisherigen Lebens sei es gewesen, als er vor den ehemaligen Kollegen auf der Bühne stand und deren banges Rätseln um den neuen Intendanten mit zwei Worten löste: „Ich bin’s.“

Elf Jahre später ist das Haus „in Sack und Tüten“, sind die 2000 Plätze in der Friedrichstraße Abend für Abend zu durchschnittlich 80 Prozent ausgelastet, zählen acht Revuen und sechs Kinderrevuen zur künstlerischen Bilanz des scheidenden Intendanten. Gleichzeitig hat er 55 Prozent der einstigen Subventionen abgebaut und 190 Mitarbeiter entlassen.

Ab heute nun nimmt der schokoladensüchtige Whiskytrinker Abschied. Zuerst in der Schlosserei des Revuetheaters. Dort versammeln sich am Nachmittag prominente Weggefährten aus Politik, Wirtschaft und Kultur zum Empfang mit allerhand Überraschungen. Am 4. Juli wird es dann ernst. Nach dem letzten Vorhang für die „Palast-Revue“ zum 20. Jubiläum des Friedrichstadtpalastes soll der Intendant auf der Bühne verabschiedet werden. „Da habe ich emotional richtig Bammel davor“, sagt Iljinskij. Hat doch „Sascha“, wie Freunde den 56-Jährigen nennen, in dessen rundem Gesicht braune Augen meist freundlich leuchten, eine russische Seele, und die ist nah am Wasser gebaut. Ansonsten bekam er nicht viel von seinem Vater mit. Bei der Befreiung Prags hatte der sowjetische Offizier Saschas deutsche Mutter kennen gelernt, die dort Bildhauerei studierte. 1948 heirateten sie in Klingenthal. Sascha war erst vier, als dort 1952 der russische Geheimdienst seinen Vater abholte. Erst 1962 erfuhr die Mutter, dass ihre Söhne Alexander und Igor schon zehn Jahre Halbwaisen sind – man hatte ihren Mann 1952 erschossen. Die Mutter zog ihre Jungen allein groß. Iljinskijs Kindheit war trotzdem glücklich – an Skilanglauf, das Schüler-Theaterabonnement im Plauener Stadttheater und Auftritte mit dem Akkordeon-Orchester erinnert sich der Wahlberliner gern. Und von der hiesigen Hektik erholt er sich noch immer am liebsten in der alten Heimat. Das Räuchermännchen in seinem Intendantenzimmer hat er aber nicht von dort – die verstorbene einstige First Lady Christiane Herzog hat es ihm geschenkt. Mit anderen Devotionalien seiner Intendantenzeit wie dem gemeinsamen Foto mit Siegfried & Roy in Las Vegas wird es nun die Wohnung in Schöneberg füllen. Dort hat Alexander Iljinskij künftig mehr Zeit, sich daran zu freuen.

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