Berlin : Der Adler wird immer fetter

EVA SCHWEITZER

Bundesbaukommission debattiert über Gestaltung des PlenarsaalsVON EVA SCHWEITZER BERLIN.Nein, die Männer und Frauen von der Baukommission des Bundestages haben es nicht leicht.Sie müssen - über Parteigrenzen hinweg - Stararchitekten bändigen, die lieben 672 Kollegen zufriedenstellen, auch die, die nur mal kurz die Nase reinstecken und sofort alles besser wissen.Sie dürfen nicht zuviel Geld ausgeben und müssen sich hinterher beschimpfen lassen, wenn die neuen Räumlichkeiten nicht kuschelig genug oder nicht hinreichend würdig sind oder wenn die Mikros brummen.Ein Mitglied der Baukommission muß fiskalisch und architektonisch versiert, trinkfest, sitzfest und gut bei Stimme sein, darf nicht unter Flugangst leiden, und das frühe Aufstehen sollte ihm nicht allzuviel ausmachen. In diesen Monaten entscheidet die Baukommission darüber, wie der neue Plenarsaal im wiedererstandenen Reichstag aussehen soll.Zu diesem Zweck hat sie bei dem gestern eigens in seiner Privatmaschine eingeflogenen Reichstagsarchitekten Sir Norman Foster (böse Zungen sagen ihm ein Auftreten "wie zwischen Kurienkardinal und Lou van Burg" nach) ein Plenarsaalmodell im Maßstab 1:1 bestellt, das den Parlamentariern in einem schnatterkalten Zelt präsentiert wurde.Und erst beim Echt-Modell fiel auf - und nicht schon bei der Computersimulation desselben -, daß die Stenographen höher sitzen als die Präsidentin und zu allem Überfluß die Sicht auf die Redner versperren.Das muß geändert werden. Auch die ursprünglich von Sir Norman entworfenen Stühle fanden nicht den Beifall der Mehrheit."Zu kühl, zu schmal", befand CDU-Umzugsbeauftragte Brigitte Baumeister, die überhaupt eine "Farbgebung wie in einem Fleischerladen der 50er Jahre" ausmachte.Die neueren Stühle sind Bonn-blau, mit Naturholz.Nur über die daran angebrachten Tischchen muß noch geredet werden: Auf die vorgesehenen paßt nämlich keine DIN-A-4-Seite längs. Noch ungewiß ist, wie der neue Bundesadler aussehen soll, der über dem Plenarsaal schweben wird.Das ursprünglich vom Sir Norman vorgelegte Tier war der Mehrheit entschieden zu mager.Die letzten drei Fosterschen Adler wurden "immer fetter", sagt der Baukommissionsvorsitzende Dietmar Kansy, sie nähern sich somit dem in Bonn hängenden Vieh, der "Fetten Henne".Unklar ist noch, ob dem beidseitig zu sehenden Vogel eine echte Kehrseite verpaßt wird oder ob er zwei Vorderseiten bekommt.Das aber wiederum würde ihm etwas Janusköpfiges, Zweigesichtiges geben, wovor die Baukommission eher zurükschreckt. Ob das alles reicht, im neuen Hause Heimatgefühle zu wecken? Schließlich ist man als Parlamentarier "auch Mensch", und ein solcher zieht sich nach einem harten Tag gerne in eine Kuschelecke zurück.Deshalb prüft die Baukommission, ob die beliebte Kneipe "Ossi" aus dem Bonner Wasserwerk in den Reichstagskeller ziehen kann, just dorthin, wo eigentlich die Postverteilstelle geplant ist.Dieser Wunsch hätte den durstigen Kollegen ruhig etwas früher einfallen können, brummeln die Baufachleute. Entschieden ist immerhin, wie die neuen Gebäude heißen: Jakob-Kaiser-Haus die Dorotheenblöcke, Paul-Löbe-Haus der Alsenblock, Marie-Elisabeth-Lüders-Haus der Luisenblock.Die Namensgeber sind allesamt Weimarer Parlamentarier aus verschiedenen Parteien, von untadeligem Ruf und tot.Auch die übrigen Parteien - voran Grüne und PDS - müssen noch mit Namen bedacht werden.Ein Vorschlag: Der zweite der beiden Dorotheenblöcke könnte doch, beinahe wie früher, Clara-Zetkin-Haus heißen.Der Reichstag wird wohl bei seinem Namen bleiben, ergänzt um ein "-sgebäude". Bleibt noch das Bundestags-Parkhaus, bei dem zwar über das Ob entschieden ist (die Berliner S-Bahn ist Brigitte Baumeister definitiv zu gruselig, besonders nachts), auch darüber, daß die Parkplätze kostenpflichtig sein werden, nicht aber, wo es stehen soll.Größere Verzögerungen bei den Bauten hat es bisher nicht gegeben, sagt die SPD-Abgeordnete Gabriele Iwersen.Allerdings sind nur vier Wochen Winter eingeplant.Hoffentlich hält wenigstens der sich daran.

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