Berlin : Der Allmächtige wohnt gleich nebenan

Aus seinen Dialogen mit ihm hat er ein Buch gemacht

Sebastian Leber

Gott lebt im Himmel, sagen die einen. Andere glauben, Gott sei überall. Und dann gibt es noch diejenigen, die bezweifeln, dass der Allmächtige überhaupt existiert. Das sind alles interessante Theorien, sagt der Berliner Lesebühnen-Autor Ahne – aber keine davon stimmt. Denn in Wirklichkeit lebt Gott in Prenzlauer Berg. In der Choriner Straße 61, um genau zu sein. Früher wohnte er direkt nebenan, in der 63, aber da gefiel es ihm irgendwann nicht mehr. Auch Gott braucht mal einen Tapetenwechsel.

Woher Ahne das weiß? Er spricht täglich mit ihm, das behauptet er jedenfalls. Von Nachbar zu Nachbar, seit sieben Jahren schon. Seine Dialoge hat Ahne jetzt aufgeschrieben und als Buch veröffentlicht: „Zwiegespräche mit Gott“ heißt es. Auf 140 Seiten kann man nachlesen, worüber sich Gott am liebsten unterhält und was ihn bewegt. Vieles davon klingt recht banal: Laut Ahne kann Gott die GEZ nicht leiden, schätzt den Broiler- stand in der Frankfurter Allee und weiß, dass der Kiosk am Rosa-Luxemburg- Platz selten Kleingeld hat. Die könnten nicht wechseln, weiß er aus Erfahrung. Beziehungsweise: „Da konnten die ooch nich wechseln.“ Gott spricht angeblich Berlinisch.

Nein, Ahne ist kein Spinner. Er will sich auch nicht lustig machen über Gott oder die Christenheit. Er fand nur die Vorstellung interessant, persönliche, humoristische Gespräche mit Gott zu führen. Ahne heißt eigentlich Arne Seidel, ist 39 und einer von Berlins beliebtesten Lesebühnen-Autoren. Seine Texte trägt er jeden Mittwoch bei den „Surfpoeten“ im Mudd-Club und sonntags bei der „Reformbühne Heim & Welt“ im Kaffee Burger vor. In ihnen geht es nicht nur um Belanglosigkeiten, sondern auch um Geschichte und Politik. Um die Wiedervereinigung etwa, die hat Gott allerdings nicht vom Hocker gerissen: „Vasteh ma nich falsch, aba ick war schon in Westen jewesen, da jabit noch jakeene Menschen in’n Westen.“

Manchmal provoziert Ahne seinen prominenten Nachbarn. Fragt etwa, wo der während des Zweiten Weltkriegs gesteckt hat? Gottes Erklärung: Ein Nickerchen will er gemacht haben. „Meinste sonst wär hier sowat passiert? Meinste ick hätt dit zujelassen?!“ Das mag man albern finden. Aber im Grunde ist es das klassische Theodizee-Problem.

Bei den Lesungen gibt es auch Zuhörer, die seine Ideen nicht lustig finden, sagt Ahne. Denen antwortet er stets, dass er sich von keinem vorschreiben lasse, wie er sich mit Gott zu unterhalten habe. Außerdem wird in jedem Text deutlich, dass Ahne seinen Gott als guten Freund sieht. Eine Kreuzberger Pfarrerin war von den Dialogen angetan. Sie lud den Autor ein, in ihrer Kirche vorzulesen. Ahne hat abgelehnt, „da wäre vielleicht doch jemand beleidigt gewesen“.

Beleidigt ist auch Gott in Ahnes Texten manchmal. Aber dieser Gott ist kein strafender. Er verwandelt Menschen nicht in Salzsäulen, droht höchstens damit, sie aus seiner Wohnung zu werfen. Und Gott hat noch andere menschliche Züge: Er ist zwar stolz darauf, so schöne Tiere wie den Tiger erschaffen zu haben („Habick jemacht!“), aber mit Problemen wie Arbeitslosigkeit oder Hartz IV will er lieber nicht in Verbindung gebracht werden: „Die Grundlagen, Sportsfreund, die Grundlagen habick jemacht.“

Ahnes Buch „Zwiegespräche mit Gott“ ist im Verlag Voland & Quist erschienen und kostet 13,90 Euro. Eine Übersicht der Berliner Lesebühnen findet man im Internet unter www.salbader.de.

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