Berlin : Der alltägliche Schrecken der Mauer

Die Gedenkstätte Bernauer Straße soll ausgebaut werden. Jetzt diskutierte das Parlament die Senatspläne

Dorothee Schmidt,Lars von Törne

Eine jahrelange Kontroverse endete am Donnerstag mit weitgehender Einmütigkeit. Das Vorhaben aus der Kulturverwaltung von Senator Thomas Flierl (PDS/Linkspartei) zum Mauergedenken wurde im Abgeordnetenhaus nicht nur von den Regierungsparteien SPD und PDS verteidigt. Auch die Grünen und die FDP lobten die Pläne, nach denen die letzten verbliebenen Berliner Mauer-Orte in den nächsten fünf Jahren ausgebaut und inhaltlich verbunden werden sollen.

Sogar die CDU hatte an dem Konzept nur wenig auszusetzen. Deren Fraktionschef Nicolas Zimmer konzentrierte sich stattdessen auf Kritik an der Person des Kultursenators. Der sei „durch seine Vita eine permanente Provokation der Opfer“. Flierl war bis 1990 Mitarbeiter im DDR-Kulturministerium. Die Grünen hingegen sehen in der Person Flierls gerade eine Chance, mit der Erinnerung an die Mauer und ihre Opfer auch jene zu erreichen, die der SED nahe standen. Einziger inhaltlicher Kritikpunkt der CDU war die ihrer Ansicht nach zu geringe Rolle, die der international besonders bekannte Checkpoint Charlie im Mauerkonzept spielt. Stattdessen wollen Flierl und die Experten, die das Konzept erarbeitet haben, vor allem die Bernauer Straße zwischen Mitte und Wedding zur zentralen Gedenklandschaft ausbauen. „Das ist wegen der vielen Zeitzeugnisse der ideale authentische Lernort“, sagte SPD-Kulturpolitikerin Brigitte Lange.

Kurz vor der Debatte hatte in der Bernauer Straße Projektleiterin Maria Nooke vorgestellt, wie die Gedenkstätte Berliner Mauer vom Nordbahnhof bis zur Brunnenstraße erweitert werden soll. Geplant ist der Bau einer Aussichtsplattform und eines Informationsportals am Nordbahnhof. Eine Brachfläche, die heute als Schrottplatz genutzt wird, soll ebenso in das Konzept eingebunden werden wie die letzte erhaltene Straßensperre an der Bergstraße und der Kolonnenweg, den die Grenzer auf ihren Wachtouren nutzten. Zwischen Acker- und Strelitzer Straße werden Grundrisse der nach dem Mauerbau abgerissenen Häuser wieder sichtbar. Bis zur Brunnenstraße soll eine Ausstellung zeigen, wie sich das Grenzsystem entwickelt hat.

Persönliche Schicksale und Biografien stünden im Mittelpunkt des Gedenkens auf dem dann 45 000 Quadratmeter großen Areal, sagte Maria Nooke. An der Bernauer Straße gab es die ersten Mauertoten, hier gelangen die spektakulärsten Fluchten. „Hier können wir zeigen, wie die Mauer den Alltag der Menschen zerstört hat.“ Bisher sei das Gedenken sachlich. „Nun arbeiten wir daran, wie wir emotionale Zugänge schaffen und angemessene Darstellungen finden können.“

Auch die Bürger werden dabei gehört. Am Sonntag zwischen 11 und 16 Uhr können sich Besucher bei einem Mauerstreifzug an sechs Stationen zwischen Brunnenstraße und Nordbahnhof informieren und diskutieren. Unter www.berlin.de/mauerdialog steht bis zum 5. Juli ein Internetforum offen. Bei einer Bürgerversammlung am 5. September nehmen der Senat und die Mauergedenkstätte Stellung zu den Vorschlägen. Ein Wettbewerb für die Gestaltung der Gedenkstätte wird 2007 ausgeschrieben. Ein „kitschiges Disneyland“ ist für Maria Nooke dabei ebenso inakzeptabel wie „Reibach mit Touristen-Schnickschnack“. Einen mobilen Würstchenverkäufer schickte Nooke gleich eine Straßenecke weiter.

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