Berlin : Der amerikanische Feind

Jeffrey Gedmin hat in Berlin erlebt, wie schnell die Solidarität nach den Terroranschlägen in aggressive Ablehnung umgeschlagen ist

Werner van Bebber

DER 11. SEPTEMBER – ZWEI JAHRE DANACH

Der Amerikaner Jeffrey Gedmin kennt so ziemlich alle deutschen Schimpfworte. Sie sind dem Direktor des Aspen-Institutes persönlich an den Kopf geworfen worden oder er las sie in zahllosen E-Mails, die ihn im Büro auf der Insel Schwanenwerder erreichten – verbale Tomaten- und Eierwürfe auf einen, der sich das Recht nahm, den Deutschen und den Berlinern selbstbewusst zu erklären, warum Amerika dem Irak den Krieg erklärt hat. Jeffrey Gedmin ist für viele in Berlin und in Deutschland zum bösen Amerikaner geworden, weil er den Angriff auf Irak verteidigt, den Bundeskanzler wegen dessen verbalen Attacken auf die Amerikaner offen kritisiert hat. Er hat nicht gezählt, wie oft er in den vergangenen Monaten in E-Mails „Du Drecksau“ und „Du Schwein“ gelesen hat. Ein Erlebnis auf der Friedrichstraße hat ihn stärker beeindruckt, man merkt es ihm beim Erzählen an: An einem Sonnabendmorgen, früh um acht, war er unterwegs, um Brötchen zu kaufen. Ein Auto verlangsamte das Tempo, dann schrie ihn einer an: „Du Arschloch“. Gedmin ist aus Talkshows bekannt genug, um erkannt zu werden, Ärger war er gewöhnt. Aber an diesem Morgen fragte er sich doch: „Was mache ich hier – lohnt es sich?“

Beziehungsarbeit kann ja sinnlos werden, wenn eine Beziehung ihre Grundlage verliert. Am 11. September 2001 und in den Wochen danach hätte wohl kein Berliner befürchtet, dass die deutsch-amerikanischen Beziehungen mal so schlecht werden wie in den vergangenen Monaten. Denn nach dem 11. September zeigten die Berliner den Amerikanern eine Sympathie, die nicht allein auf Mitgefühl beruhte. Das Berliner Kollektivgefühl nach dem 11. September hatte auch mit Nähe und Dankbarkeit, mit Freiheit und Freiheitspathos zu tun, und vielleicht haben viele Berliner dies alles ein bisschen heftiger empfunden als andere, weil Berlin und Freiheit so lange nur teilweise zusammenpassten. Jeffrey Gedmin, damals noch in Washington, hat jedenfalls heute keinen Zweifel an der Aufrichtigkeit, mit der deutsche Freunde ihm damals Hilfe und Solidarität versprachen und fragten, ob sie etwas tun könnten. „Sicher war das Freundschaft“, sagt er, „das hat ja geholfen – das werde ich nicht vergessen.“

Damals war der Atlantik nicht sehr breit. Als Jeffrey Gedmin vor gut anderthalb Jahren die Leitung des Aspen-Instituts übernahm, hatte er den Eindruck, dass sich etwas Neues und Erstaunliches zwischen Deutschland und Amerika entwickelte. Deutschland engagierte sich militärisch auf dem Balkan, dann in Afghanistan – das war aus amerikanischer Sicht ein Reifeprozess, ein politischer Schub. Dann aber kam Schröders Wahlkampf. Und Gedmin, wegen seiner klaren Ausdrucksweise und seiner Bereitschaft zur Unmissverständlichkeit noch stärker als Anwalt der Amerikaner und als Atlantiker gefragt, wunderte sich über die Deutschen. „Womit ich nicht gerechnet habe, war die Wut“, sagt er. Dass einer im politischen Streit Position bezieht, gehört für ihn zur Demokratie – dass man deshalb persönlich beschimpft und verbal angespuckt wird, hat ihn „enttäuscht“.

Inzwischen hat er das emotionale Chaos zwischen Deutschen und Amerikanern auseinander genommen und untersucht. Es ist erklärbar. Die Deutschen – und gerade die Berliner – berufen sich auf ihre Geschichte, wenn sie einen Angriffskrieg ablehnen. Und sie sagen: Wir beherzigen die Lehren unserer Geschichte – andere können dies nicht verstehen. Im Grunde, sagt Gedmin, gingen die Amerikaner mit dem 11. September genauso um. Der Angriff der Terroristen hat die Amerikaner mit einer ungekannten Unsicherheit konfrontiert. Es war ein fundamentaler Angriff auf ihren Lebensstil – was der bewirkt hat, können andere nicht wirklich verstehen. Wenn Amerikaner und Deutsche derart auf eigene Erfahrungen pochen, verlieren frühere Gemeinsamkeiten an Bedeutung. Berlin erscheint ihm deshalb nicht kälter oder fremder. Er denkt, wenn er durch Mitte läuft, an 1977, als er zum ersten Mal in den Osten fuhr und dort Freunde gewann. Immer wenn er Ost-Berlin wieder verließ, hätten die ihm mit Blick auf den Westen gesagt: „Jeff, da kommen wir nie hin.“ Daran gemessen seien die Probleme heute, seien Saddam Hussein und der Irak doch „schöne Probleme“. Das sagt ein Amerikaner in Berlin.

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