Berlin : Der angeklagte Mann bestreitet, eine Neunjährige vergewaltigt und erdrosselt zu haben

Katja Füchsel

Es ist ein verzweifelter Kampf, ausgetragen ohne Waffen und Fäuste. Still sitzt der Angeklagte vor dem Richter, die Hände hält er im Schoß gesenkt. Christian J. wird nicht laut, und doch schreit jeder Satz: Ich bin es nicht gewesen! Sieht so ein Kindermörder aus? "Unglaublich, dass mir so ein Vorwurf gemacht wird", sagt der 39-Jährige im Kriminalgericht mit tränenerstickter Stimme.

Der Staatsanwalt verfolgt die Anstrengungen mit unbewegter Miene. Er glaubt, dass vor ihm der Mörder der kleinen Marina sitzt. Vor sieben Jahren hatte sich das Mädchen nachmittags von seiner Mutter verabschiedet, um auf den Spielplatz zu gehen. Doch da kam es offenbar niemals an. Die Neunjährige blieb spurlos verschwunden, bis ein Jahr später eher zufällig ihre Leiche gefunden wurde. Die Polizei brauchte lange, um ausreichend Hinweise für eine Festnahme zu sammeln: Im Oktober 1999 schloss sich dann hinter dem Tischler die Zellentür. Zu Unrecht, sagt der Angeklagte. Während er in U-Haft sitze, laufe "das Mistschwein frei herum". Der Staatsanwalt hat kein leichtes Spiel in dem Prozess, denn er kann sich nur auf Indizien stützen. Ungeklärt ist beispielsweise, ob Marina am Nachmittag oder am frühen Abend verschwand. Nicht sicher ist, ob sie von einem Fremden gelockt oder entführt wurde.

Es gibt keine Tatzeugen und nur wenige Spuren. Der Ankläger ist aber überzeugt: Christian J. hat das Kind am 10. Juli 1993 in sein Haus in der Dörpfeldstraße gebracht und auf dem Dachboden vergewaltigt, gewürgt, erdrosselt. Der Angeklagte beharrt auf seiner Version. "Ich bin kein Mörder, ich bin kein Sexualtäter, ich könnte Kindern nichts antun."

Er komme aus einer glücklichen, katholischen Familie und führe seit fünf Jahren eine "Bilderbuchehe" mit einer Mutter von zwei Töchtern und einem Sohn. Zum Zeitpunkt des Mordes habe er eine feste, wenn auch manchmal schwierige Beziehung geführt. Weil sich seine damalige Freundin zeitweilig verweigert habe, sei er zuweilen mit einem Pornoheft auf den Dachboden geschlichen, um zu onanieren. Die beschmutzten Taschentücher habe er in eine Ecke geworfen; sie zählen in dem Prozess nun als Schlüsselindiz. Der Angeklagte beteuert, dass das Verhältnis im Juli 1993 indessen "wieder wunderbar" gewesen sei und er keinerlei "sexuellen Notstand" verspürt habe.

Damals lebte der Angeklagte noch in der Dörpfeldstraße 13, nur etwa 100 Meter von Marinas Elternhaus entfernt. Abgesehen von Christian J., seinem Nachbarn und einem Fleischer wohnte niemand mehr in dem dreistöckigen Gebäude. Als auch der letzte Nachbar im Juli 1994 ausziehen wollte, machte dieser auf dem Dachboden den grausigen Fund: Auf einer abgestellten Couch lag das Skelett eines Kindes, eingewickelt in ein Bettlaken. "Es hat erbärmlich gestunken", sagt der 28-jährige Zeuge.

Das Laken führte die Polizei auf die Spur des Treptowers. Anhand eines Wäschezettels auf dem Betttuch hatten die Ermittler erst die Reinigung und schließlich die Adresse des zum Laken zugehörigen Kunden ausfindig gemacht: Es war die damalige Lebensgefährtin von Christian J.

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