Berlin : Der Angriffs-Befehl kam aus Babelsberg

Atombomben auf Japan: Als US-Präsident Truman vor 60 Jahren entschied, wohnte er am Griebnitzsee

Andreas Conrad

Schon die erste Bombe hätte Nagasaki treffen können. Die Sichtverhältnisse dort waren exzellent, das Primärziel Hiroshima dagegen und die Stadt Kokura, dritter möglicher Zielort, blieben unter Wolken verborgen. Doch plötzlich riss der Himmel über Hiroshima auf, der Zielanflug der „Enola Gay“ begann. Nur eine kurze Frist wurde Nagasaki durch den meteorologischen Zufall geschenkt, dann fiel auch dort die Bombe, heute vor 60 Jahren.

Die Karl-Marx-Straße 2 in Babelsberg ist eine noble Adresse, wie früher, als sie noch Kaiserstraße hieß. Ein Wassergrundstück mit alter Villa und gläsernem Neubau, mit gepflegtem Garten, dessen sauber geschnittener Rasen sanft zum Griebnitzsee abfällt. Nichts scheint diesem Idyll ferner zu sein als das Grauen von Hiroshima und Nagasaki, und doch spielte die Villa in der Vorgeschichte der beiden Atombombenabwürfe eine wichtige Rolle. Für mehr als zwei Wochen war sie während der Potsdamer Konferenz als Amtssitz des amerikanischen Präsidenten Harry S. Truman das wichtigste Machtzentrum der westlichen Welt. Eine Gedenktafel der U. S. Army von 1994 erinnert daran, ein Hinweis auf die wohl wichtigste historische Bedeutung des Hauses, heute Sitz der Friedrich-Naumann-Stiftung, findet sich darauf nicht: Das Little White House in Babelsberg steht für den Aufstieg der USA zur ersten Atommacht. Hier residierte ihr Präsident, als am 16. Juli, 5 Uhr 29 Ortszeit, in der Wüste von New Mexico, erfolgreich die erste Atombombe getestet wurde. Hier fiel die letzte Entscheidung über die Angriffe auf Hiroshima und Nagasaki.

Schon der Beginn der Potsdamer Konferenz stand im Zeichen des heraufziehenden Atomzeitalters. Truman hatte das Treffen verzögert, um die Erprobung der Bombe abzuwarten. Am 15. Juli hatte er die Villa bezogen, zwei Tage später kamen er, der sowjetische Diktator Josef Stalin und der britische Premierminister Winston Churchill erstmals zusammen.

Wenngleich es die Bedeutung der Babelsberger Villa als Schauplatz der Geschichte kaum schmälert: Der alles entscheidende Truman-Befehl über den Abwurf der Bomben wurde im Little White House nicht unterzeichnet. Es gibt ihn gar nicht, obwohl dies oft behauptet und das vermeintlich existierende Dokument stets mit dem Haus in Verbindung gebracht wurde. Überliefert ist nur eine handschriftliche Anweisung Trumans, wann eine Pressemeldung über den Abwurf zu veröffentlichen sei.

Viel zu beschließen gab es aus seiner Sicht ohnehin nicht: „Das mit der Atombombe war keine große Entscheidung. Jedenfalls keine, die einem Kopfzerbrechen bereitete“, schrieb er später. Trumans Vorgänger Roosevelt hatte das „Manhattan Project“ zur Entwicklung der Bombe angeschoben, aus Sorge, auch Hitler-Deutschland arbeite daran. Nun sollte die Nuklearwaffe helfen, den Krieg gegen Japan schneller zu beenden, und zugleich den Sowjets die neue Stärke vorführen. Die Bombe, so beschrieb es General Groves, Leiter des Manhattan Project, konnte Truman so wenig stoppen wie ein Junge seinen Rodelschlitten, mit dem er einen Hang hinunterschießt.

„Die letzte Entscheidung, wo und wann die Atombombe einzusetzen war, lag bei mir“, hat Truman betont, was formal stimmt, aber die Frage, ob man auf den Einsatz verzichten sollte, stellte sich ihm eben nicht. Eine Maschine war in Gang gesetzt worden und ratterte auf ihr tödliches Ziel zu. Allenfalls ein Einlenken der Japaner nach dem Ultimatum vom 26. Juli hätte den Abwurf noch abwenden können. Aber da die USA gefordert hatten, dass die Kapitulation bedingungslos sein sollte, und keinerlei Garantien für die Zukunft des Tenno vorgesehen waren, rechnete niemand damit.

Am 24. Juli, bei einer morgendlichen Besprechung im Little White House, hatte Kriegsminister Stimson einen letzten zaghaften Versuch unternommen, Truman zu solch einer Garantie zu bewegen. General Groves’ Zeitplan hatte er mitgebracht. Das Gespräch verlief nicht wie erhofft. „Die Bombe soll zwischen heute und dem 10. August eingesetzt werden“, schrieb Truman am folgenden Tag ins Tagebuch. „Ich habe den Kriegsminister, Mr. Stimson, angewiesen, sie so einzusetzen, dass militärische Ziele und Soldaten sowie Matrosen, nicht aber Frauen und Kinder das Ziel sind.“ In der Nacht nach dem Gespräch hatte der Minister nach Washington telegrafiert, dass er Groves’ Zeitplan billige. Nun tickte die Bombe, unaufhaltsam. Am 6. August, 9 Uhr 16, detonierte sie – 560 Meter über Hiroshima. Nagasaki folgte drei Tage später, zwei Minuten nach zwölf.

Die Geschichte der Truman-Villa ist dokumentiert in: Robert S. Mackay: This Mr. President is the story of the Little White House… The Truman House in Potsdam 1892 – 2002. 80 Seiten, 19,80 Euro (Liberal Verlag Berlin, Tel. 030-2757 2875). Die Potsdamer Vorgeschichte zur Bombe behandelt auch Stephen Walker in „Hiroshima. Countdown der Katastrophe“ (C. Bertelsmann, München, 400 Seiten, 19,90 Euro).

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