Berlin : Der Anti-Diepgen

Als bunter Klaus setzt sich der Regierende vom blassen Eberhard ab – gern auch auf Reisen. Jetzt wieder in Mexiko

Ulrich Zawatka-Gerlach

Nach den sonnigen Tagen in Mexiko kommt die Ernüchterung. Klaus Wowereit muss sich am 30. Oktober im Abgeordnetenhaus für seine Reiselust rechtfertigen. Denn die hinterließ in Berlin den Eindruck, der Regierende Bürgermeister interessiere sich nur für exotische Folklore und nutze Dienstreisen, um heimlich Urlaub zu machen. Die Diskussion ist eröffnet. Doch was wollte Wowereit selbst mit der Reise bezwecken? Seine Mexiko-Tour war aus seiner Sicht alles andere als ein touristischer Betriebsunfall, sondern passte exakt in Wowereits Strategie: Er will die Rolle des Berliner Stadtoberhaupts umdeuten, indem er als schillernde Person auftritt. Er will Berlin in der Welt ein neues, jüngeres Image verpassen.

Klaus Wowereit setzt sich dabei ganz bewusst ab vom christdemokratischen Amtsvorgänger Eberhard Diepgen, der fast immer seriös und unangefochten verreiste. Der verstand sich auch „nur“ als überzeugter Kommunal- und Landespolitiker. Nie versuchte Diepgen in Richtung Bund oder Welt vorzustoßen. Wowereit will aber genau das: Metropolen-Gouverneur sein und ein lokaler Vertreter der globalisierten Welt, der überall in der Zeitung steht.

Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass die Deutsche Botschaft in Mexiko mit Wowereits Besuch hoch zufrieden war. Denn er hat Deutschland, nicht nur Berlin, mit hörbarem Echo vertreten. Die Gespräche und Treffen mit deutschstämmigen Mexikanern, mit dem Regierungschef und Bezirksbürgermeistern von Mexiko-City, mit Kultur- und Umweltministern, mit Vertretern deutscher Unternehmen und drei Gouverneuren mexikanischer Bundesstaaten fanden in den Medien des Gastgeberlandes überraschend großen Anklang. Ein Dutzend mexikanischer Zeitungen und mehrere Rundfunksender berichteten ausführlich über den Besuch des Regierenden Bürgermeisters. Zum Teil mit Fotos, ganz ohne Cowboyhut, sondern im üblichen schwarzen Anzug. Wowereit gab zwei Pressekonferenzen, die gut besucht waren, er führte mehrere Fernseh- und Hörfunkinterviews.

Von einer mexikanischen Journalistin wurde Wowereit dabei gefragt, welche politischen Zukunftspläne er habe. Er antwortete: „Ich versuche, in meinem jeweiligen Amt gute Arbeit zu leisten – alles andere wird sich zeigen.“ Der Satz gibt zu denken, denn er zeigt, dass sich Wowereit von der Selbstbeschränkung seines Amtsvorgängers Diepgen löst, der nie mehr sein wollte als Landesvater.

Wowereit traut sich noch einiges zu und ahnt, dass sich nach einer erfolgreichen Wiederwahl 2006 ein Türchen zur Bundespolitik öffnen könnte. Noch dementiert er solche Perspektiven energisch, doch er tut alles, damit seine Popularität weit über Berlin hinaus wächst. Er freute sich jedes Mal voller Stolz, wenn ihn in Mexiko nicht nur deutsche Touristen, sondern auch Mexikaner erkannten. Er fühlte sich auch sehr geschmeichelt, als ihn die Kulturministerin von ihrer Tochter grüßen ließ und ihn der Chef der Haupstadtregion zum Frühstück in die Privatresidenz einlud. Seine Ehefrau saß mit am Tisch. In Mexiko ist das ein hoher Gunstbeweis.

Wowereit kannte sie fast alle schon aus Berlin. Über vierzig Staats- und Ministerpräsidenten kommen jährlich ins Rote Rathaus zu Besuch, und Wowereit sieht zu, dass er bei den Gästen in guter Erinnerung bleibt. Da es ihm leicht fällt, mit guter Laune Charme zu versprühen, funktioniert das recht gut.

In Mexiko überwogen die Repräsentationsaufgaben. Der Regierende Bürgermeister kam ohne Kooperationsvereinbarungen oder Wirtschaftsaufträge zurück. Mit der Besichtigung von Städten und kulturhistorischen Denkmälern, mit zahlreichen Empfängen verbrachte er mehr Zeit als mit politischen Gesprächen, Konferenzen und Reden. Das wollte Wowereit: repräsentieren. Sich selbst und dadurch die deutsche Hauptstadt. Hier ein Küsschen, da ein Schulterklopfen, Wowereit begegnete seinen Gastgebern so, als hätte er nie etwas anderes gemacht, auf gleicher Augenhöhe – und wenn möglich auf Du und Du.

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