Berlin : Der Anti-Klezmer

Albert Meyer soll Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde werden. Er will sparen und modernisieren

Claudia Keller

Albert Meyer ist ein Genussmensch, der sich Leidenschaften gönnt. Die für die Jüdische Gemeinde zum Beispiel. Ab heute Abend wird er mit großer Wahrscheinlichkeit ihr neuer Vorsitzender sein. Denn seine liberale „Kadima“-Liste hat bei der Wahl vor vier Wochen 20 der 21 Sitze im Gemeindeparlament errungen, heute Abend findet die konstituierende Sitzung statt. Meyer löst Alexander Brenner ab, der seit 2001 amtierte.

Die Jüdische Gemeinde Berlin ist mit 12000 Mitgliedern die größte in Deutschland. Ihr vorzustehen ist nicht unbedingt ein angenehmer Job. Denn in den vergangenen Jahren fiel die Gemeinde oft durch interne Querelen auf, wobei der Gegensatz zwischen den 70 Prozent russischer Einwanderer und den angestammten Berliner Juden nur eine von mehreren Kampfzonen ist. Meyer will den liberalen Kurs der Gemeinde stärken und einen liberalen Rabbiner einstellen.

Aber noch ist es nicht so weit, sondern erst Dienstagvormittag, Albert Meyer sitzt an einem schweren alten Schreibtisch in seiner weitläufigen Westberliner Anwaltskanzlei. Und hier fällt als erstes seine Leidenschaft fürs Sammeln auf. In den dunklen Regalen, die sich bis zur Stuckdecke strecken, liegen jede Menge alter Uhren, Fotoapparate, Auto- und Eisenbahnenmodelle. „Andere sammeln Frauen, ich bin seit zehn Jahren verheiratet“, sagt Meyer und lacht. Der Mann ist 56 Jahre alt, hat kurzes graues Haar und lacht gerne. Es ist kein verschämtes Auflachen, sondern ein volles Lachen, das von Selbstbewusstsein strotzt.

Im Regal liegt auch ein Berliner Adressbuch von 1937. Der dicke Wälzer ist für Meyer ein Wegweiser aus der Finanzkrise der Jüdischen Gemeinde. Denn damit hat der Anwalt herausgefunden, dass die Gemeinde durch Grundstücke und Immobilien in Ost- Berlin Ansprüche in mehrfacher Millionenhöhe gegenüber der Jewish Claims Conference geltend machen könnte. Bisher habe die lediglich „Peanuts“ gezahlt. Jetzt verhandelt Meyer neu.

Um die Gemeinde in den kommenden vier Jahren zu entschulden, will Meyer außerdem Personal in der Gemeindeverwaltung abbauen. In den vergangenen Jahren seien Mitarbeiter eingestellt worden, obwohl es einen Einstellungsstopp gab. Da müsse man nun jeden Arbeitsplatz überprüfen, „ob er unbedingt notwendig ist“. Etliche Mitarbeiter würden demnächst in den Ruhestand gehen, ihre Stellen sollen wegfallen.

Mit dem gesparten Geld will er die jüdischen Schulen absichern. Das Jüdische Gymnasium zum Beispiel, das der Gemeinde jährlich ein Defizit von 500000 Euro beschert. „Bildung ist die Zukunft des Judentums“, sagt Meyer und weiß, wovon er spricht. Er kommt aus einer großbürgerlichen Berliner Familie, die schon seit Generationen in die Bildung ihrer Kinder investiert. Albert Meyers Großvater hatte ein Kaufhaus in der Frankfurter Allee, sein Vater war Anwalt, bis ihm die Nazis die Ausübung seines Berufes verboten. Er und seine Frau überlebten die Judenverfolgung im Untergrund. Albert Meyer selbst ist in der Schweiz und in England zur Schule gegangen.

Bildung ist für ihn auch der Königsweg, um die russischen Juden besser zu integrieren. „In diesem Bereich wollen wir massiv investieren“, sagt Meyer. Zum Beispiel in Deutschkurse. Denn an sich seien die vielen Russen ein „Segen“ für die Gemeinde. Es seien viele Akademiker gekommen, viele Künstler, von denen allerdings viele aus der Gemeinde ausgetreten seien. Die will Meyer zurückholen, weil er sich von ihnen eine intellektuelle Erneuerung der Gemeinde erhofft.

Denn Meyer will die Berliner Juden wegbringen vom Klezmer-Image. „Mein Vater hätte sich im Grab umgedreht“, sagt der Anwalt, der lieber in die Oper geht. Klezmermusik stammt aus einer längst untergegangenen Welt, und allzu viel zurückzuschauen scheint Meyers Sache nicht zu sein. Das geplante Holocaust-Mahnmal ist für ihn „der reinste Horror“. Für das viele Geld hätte er lieber eine Hochschule für jüdische Wissenschaften aufgebaut. „Das hätte den lebenden Juden etwas gebracht. Das Mahnmal nutzt weder den Toten noch den Lebenden.“

Seine ganz private Zukunft steht gleich dutzendfach im Regal: Von großen und kleinen Fotos lacht die achtjährige Tochter. Für sie tut er alles – auch Schabbat feiern und in die Synagoge gehen. Denn ansonsten halte er es mit den jüdischen Riten eher wie jener Rabbi, der in einer Metzgerei Parmaschinken kauft und auf die erstaunte Frage des Metzgers antwortet: „Ich will nicht wissen, wie der Fisch heißt.“

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